… und dann erklang eine Arie

 

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Gruß an einen zukünftigen Leser

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040708

 

Wir fuhren heute mit dem Auto durch den dichten Mittagsverkehr der Stadt. Unversehens erklang aus dem Radio eine Arie – so wunderschön, wie sie nur die italienischen Komponisten oder Mozart schaffen konnten. Die Worte waren unbedeutend, aber die Klänge gaben der Arie ihren Wert. Ich empfand Freude, Licht, Harmonie der „Seele“ – ja, was ist „Seele“ in dieser modernen Welt? Da komponierten sie vor 150 Jahren, vielleicht für einen reichen Gönner, legten das Beste ihres Empfindens in diese Töne – und beschenken uns bis in diese Zeit, bis zu diesem Ort, fern von ihrem damaligen Wirken.

Ach, könnte man so etwas Schönes, Tröstendes, Erfreuendes, Stärkendes den empfindenden Menschen der zukünftigen Welt zurufen – statt nur seinen alltäglichen Erledigungen nachzugehen! Was würde man vermitteln wollen? Vielleicht nur einige einfache Bilder unserer Zeit und unseres menschlichen Lebens, die von der Tagespresse und Mode unbeachtet blieben?

 

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Gibt es denn noch Klänge von Idealismus, Liebe, Wehmut oder Hoffnung in unserer Zeit?

Man saß in einer Gruppe zusammen und redete von den eigenen Kindern, die nun schon seit Jahren die Uni hinter sich hatten und eigentlich erfolgreich im Leben stehen sollten. Da erzählte die Frau von den beiden Kindern, die nach dem Studium aus Idealismus mit einer wohltätigen Organisation für Jahre in die ferne „Dritte Welt“ gezogen waren, um zu helfen. Nun waren sie zurückgekommen und suchten einen Job, um ein eigenes Leben aufzubauen, eine eigene Familie zu haben. Das war nicht einfach. Sie hatten „die besten Jahre ihres Lebens“ für andere gegeben. Wer tat jetzt etwas für sie? Ach, könnte man das doch nur! Aber sie werden es schaffen!

Da war die Frau, deren Tochter jahrelang Kunst studierte und einen Freund durchfütterte, der selber noch studierte. Jetzt, da er fertig studiert hatte, war die Freundschaft auseinandergegangen. Das Kunststudium hatte auch nicht viel gebracht und die Tochter dachte nun daran, ein Restaurant zu eröffnen. War das die Ernte ihres jungen Idealismus und ihrer Selbsthingabe in dieser Welt? Ach, fände sie doch Licht und etwas frohe Wärme! Ihr Freund liebt sie noch. Heiraten sie vielleicht doch? Hoffnung erklang!

Da waren die alten Leute, die sich um ihre noch viel älteren Eltern kümmerten: Letztere waren aber gar nicht immer nur bescheiden in ihrer Pflegeerwartung. Was war denn den „Kindern“ als die Erfüllung ihres eigenen Lebens geblieben? Vielleicht einmal ein stiller Abend für sich allein – gemeinsam in alter Harmonie?

Ach, lasst euer Licht nicht verlöschen, brennt doch nicht aus! Seid praktisch in dieser unnachgiebigen Welt, wo man ein Einkommen braucht, um frei und in Würde zu leben; wo man auch einmal Grenzen ziehen muss; wo aber immer noch die menschliche Freude und Wärme den Lebensinhalt ergeben! Gebt die Hoffnung nicht auf, Freundschaft und Liebe zu finden, die das Leben tragen und erträglich machen! Denkt daran, dass vielleicht schon morgen, vielleicht im nächsten Jahr, vielleicht auch erst in fünf Jahren die glückliche Wendung kommt! Das Leben ist doch auch lang.

Ich kenne ein Paar, das sich erst mit über fünfzig gefunden hat! Ich kannte einen früheren Kriegsgefangenen, der erst nach elf Jahren Gefangenschaft als gealterter Mann frei wurde, dann aber die schönste Zeit seines Lebens verbringen konnte mit seiner Frau, die auf ihn gewartet hatte! Ich kenne mehrere junge Menschen, die in ihrem Beruf sehr unglücklich und erfolglos waren, bis sich die große Glückswendung ergab – bis sich auch der richtige Lebenspartner fand –, und die nun ein Leben voll Licht und Inhalt leben können.

Einer von ihnen gibt nun warmherzig seine Lebensfreude an andere weiter.

 

Und kann man nicht über sich selbst hinausschauen – die Welt in größerem Maße sehen? In der Welt gibt es doch auch Freude! Ein Blick in eine wundervolle Landschaft, in einen schönen Garten oder in ein Blumenbeet genügt, um Freude zu erleben. Nur eine kurze Zeit lang eine belebte Großstadtstraße beobachten – das genügt, um fröhliche junge oder auch interessante alte Menschen zu sehen. Geht hinaus ins Leben, in all seine Buntheit! Nehmt teil an der Freude, am Leben! Bestaunt das goldene Licht des Morgens, die Helligkeit des Mittags, die Milde des Abends! Seht die Wolken und den durststillenden Regen!

Mehr Freude hat, wer nicht nur sitzt und schaut, wer selber schaffend teilnimmt!

 

Frohsinn? Einem Menschen war in seiner Jugend viel geholfen worden. Die Helfer ließen es sich nicht vergüten. Viel später traf dieser Mensch ein paar junge Leute, die ihrerseits Hilfe brauchten, um ihr Auto auf großer Fahrt zu reparieren. Er half – und ließ sich nichts vergüten –; er bat nur, die Hilfe irgendwann einmal an andere weiterzugeben. Die jungen Leute fuhren froh in die Welt hinaus und winkten noch einmal zurück. Wo wohl die Kette des Helfens nun weiterwirkt?

 

Hoffnung? Ein alter Mann schaute jeden Tag in den Briefkasten und wartete auf einen Brief, der nicht eintraf. Eines Tages setzte er sich in den Garten. Ein kleiner Vogel war gerade in seinen Garten gekommen und sang ein fröhliches Lied. Nun wartete der Mann nicht mehr auf den Brief, sondern schaute zu, wie der Vogel eine Gefährtin fand, ein Nest baute und Küken heranzog, die schließlich fröhlich in die Welt hinausflatterten. Im Winter streute er ihnen Futter hin – und wartete auf den nächsten Nestbau im Frühling. Das Leben geht fröhlich weiter, aber auf seinen eigenen Wegen. Habt Augen für das Leben!

Und sogar Übermut? Großvater und Enkelin sollen spazieren gehen. Es ist ein sonnig-warmer Tag, die Blumen blühen in den grünen Vorgärten und die Bäume spenden erfrischenden Schatten. Die Enkelin geht nicht gerne spazieren, sie hüpft lieber die Straße entlang. So fragt sie Opa: „Kannst du nicht auch hüpfen?“ Mal sehen. Wirklich, jetzt hüpfen sie beide lustig voran: ein Bein nach vorne, hüpf, das andere Bein nach vorne, hüpf, wieder das eine Beine, hüpf, das andere Bein, hüpf. Man könnte eine kleine, übermütige Melodie dazu komponieren. Mindestens hundert Meter geht das so. Dann bleiben sie stehen – der Großvater ein wenig außer Atem – und lachen und lachen! 

 

Können Arien nicht auch dazu anregen, anzuhalten und etwas Gutes zu tun? Wo gibt es noch etwas „einfach menschlich Gutes“ in unserer modern voraneilenden Welt? Ist es nicht gut, seine eigenen Wünsche einmal zu vergessen? Ist es nicht gut, einmal nur das Helfen oder das Schöne im Sinn zu haben? So kann ein Kind etwas Gutes tun wie ein Erwachsener oder ein Politiker oder ein Held. So kannst du etwas Gutes tun, jetzt, indem du einen anderen Menschen berührst, der sich darüber freut. Ruf doch mal jemanden an, ohne jeden Grund – oder sende eine Mail, wie man das heutzutage so leicht mit einem Klick tun kann.

Ich habe heute Morgen eine Antwort auf eine Mail bekommen. Meine Mail war recht schlicht gewesen. Die Antwort ist nun auch ganz einfach, aber sie kommt von Herzen. Man hat mich verstanden, man hat Freude gehabt. Und nun freue ich mich! Es ist wie ein Klang, der durch mein Herz, mein Leben geht – nur einen Moment lang –, aber er klingt nach.

 

Diese Geschichte ist ebenfalls sehr schlicht, aber sie kommt von Herzen! Konnte sie klingen? Klingt sie vielleicht noch einen Augenblick nach? Klingt sie ein wenig nach Liebe, Wehmut, Freude, sogar Übermut – nach einem langen Leben? Nimm sie als ein Geschenk des Augenblicks. Dann singe doch deine eigene Arie: Singe von deinem eigenen Leben, vom Empfinden warmer Liebe, etwas Wehmut und viel Freude – vielleicht auch von einem Moment des Übermuts! Sende sie an jemand anderen weiter – nur einfach so. Oder hebe sie irgendwo auf, wo sie vielleicht ein anderer Mensch nach über hundert Jahren findet und sich freut – wie ich über die Arie, die mitten im Verkehr der Stadt nur so kurz aus dem Radio erklang.