Das wunderbare Leben einer Eintagsfliege

 

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Sie lebte nur einen Tag – den aber so erfüllt,

dass es schon ihr ganzes Glück gewesen wäre,
nur noch einen weiteren Tag zu leben

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040708

 

Sind wir nicht manchmal in einer Stimmung, in der das Leben grau, traurig und wertlos erscheint: Wo wir nichts Erfreuliches mehr in der Zukunft sehen – oder aber bedauern, dass unser Leben bald enden wird, vielleicht in einigen Monaten oder wenigen Jahren? Wie gelähmt empfinden wir dann das Dunkle und Traurige unseres Lebens, ziehen uns ganz zurück, nehmen schon ständig Abschied vom Leben. In anderen Momenten erscheint unser Leben ohne Empfindung in einer inneren Leere oder Stumpfheit zu vergehen. Nichts hat Sinn oder Bedeutung für uns in dieser Stimmung – oft sind es nur noch die gewöhnlichsten Unterhaltungen, die unsere Zeit ausfüllen. Wir reden dann mit niemandem, nehmen an nichts teil. Ach, könnte man sich doch aufraffen!

Das Leben kann doch so wunderbar sein. Ach, könnten wir doch die Fülle des Lebens um uns herum wahrnehmen – könnten wir doch selber zum Leben beitragen und uns freuen!

 

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Es war ein wunderbarer Sommermorgen. Die Sonne ging gerade strahlend am frischen, blauen Himmel auf. Hoch oben auf einem Zweig eines großen Baumes, neben einem alten Bauernhof, regte sich unter einem Blatt eine winzige, verpuppte Insektenlarve. Nun stieg diese kleine Eintagsfliege zum ersten Mal ans Licht heraus. Sie streckte ihre Flügel, bis sie voll entfaltet waren. Aber bevor sie zu ihrem ersten Flug ansetzte, schaute sie sich staunend um.

Als Erstes nahm sie die Blätter in ihrer direkten Umgebung am Baum wahr. Hast du einmal vor einem Baum gestanden und dir nur einmal eine ganz kleine Gruppe von Blättern angesehen? Hast du einmal erwogen, einen ganz kleinen Zweig vom Baum zu pflücken, nur mit einigen Blättern daran? Hast du einmal einen solchen Zweig in eine Vase gesteckt und dann des Öfteren angesehen wie ein kleines Kunstwerk? Du könntest ein Bild davon malen oder aufnehmen und es könnte in einer Galerie einen Preis gewinnen. Und doch war der Baum voll von Tausenden solcher kleinen Blättergruppen – und du hattest sie nie wahrgenommen. Wie wunderbar ist unsere Welt, wenn wir Augen dafür haben und uns die Zeit nehmen, sie anzuschauen – nur etwas von der Zeit uns nehmen, von der wir manchmal zu viel haben – nur etwas von der Zeit, die uns noch verbleibt – nur etwas von diesem Tag, um ihn so recht erfüllt sein zu lassen.

Die Sonne wärmte nun und es war sehr hell geworden. So erhob sich die Eintagsfliege und ließ sich auf einen niedrigeren Baum im Hof hinter dem Bauernhaus hinuntergleiten. Wie schön war es doch, sich bewegen zu können, von einem Platz zu einem ganz anderen gelangen zu können, ganz wie man wollte – um immer wieder etwas Neues zu sehen oder zu erleben! Hast du dich auch einmal gefreut, dich bewegen, gehen oder fahren zu können?

Dabei bemerkte die kleine Fliege, dass nun einige Wolken aufgekommen waren. Ein paar schienen wie kleine, runde Kissen zu sein. Dazwischen waren andere, die wie ganz leichte, nur angedeutete Pinselstriche aussahen. Wer hatte sie so schön gemalt? Die Wolken veränderten sich und zogen weiter. Wie viele Wolken sind wohl über dich hingezogen, wie viele hast du überhaupt wahrgenommen? Da gab es einmal eine sehr alte Dame, die einsam lebte. Sie war aber von einem inneren Frohsinn und erzählte jedem, dass sie sich die Wolken anschaue, jeden Tag. Das sei ein immer neues Erlebnis der Kunst und des Dramas der Natur – und das allein schon ließe sie sich ihres Lebens erfreue.

Nun schaute sich die Eintagsfliege den Bauernhof und die Landmaschinen davor an. Was gab es da alles zu sehen! Wie war das alles interessant! Jedes Detail der Maschinen war irgendwie durchdacht und dem Bauern nützlich, um ihn und seine Familie durchs Leben zu bringen. Wenn man doch nur mehr davon verstehen würde. Solche Maschinen und die Industrie, die sie hervorgebracht hatten, waren es, die dem Bauern – und uns allen – Wohlstand gebracht haben. Wie interessant wäre es doch, nur etwas mehr vom intellektuellen Geist der Technik und vor allem auch von der geistigen Klarheit der Wissenschaft zu verstehen, die uns die Natur und die ganze Welt verständlich werden lassen – denn wir leben ja in einer weitgehend geistig erfassbaren Welt.

 

Nun war es schon spät am Morgen und es war Zeit für die kleine Fliege, sich mit anderen ihrer Art zusammenzutun. Wir leben schließlich nicht allein in der Welt – aber wir müssen selbst etwas tun, um zu anderen zu finden. So flog die Fliege empor und traf bald über einem Busch einen Schwarm ihrer Art. Da flogen sie wild herum, immer im Kreis, zu Hunderten oder gar zu Tausenden, in vielen Kreisen übereinander, eine sausende Säule bildend, lauter helle, wirbelnde Punkte im Glanz des Sonnenscheins.

Der Tanz wurde immer wilder und es war ein großartiges Erlebnis für die Fliege, so vielen anderen zu begegnen, mit ihnen vereint zu sein. War das der Sinn des Lebens, sich der Gemeinschaft hinzugeben? Die Natur belohnt uns dafür mit Empfindungen von Freude. Wie bedeutsam ist doch die vielfältige Welt unserer Empfindungen, die uns Lebenswert geben – die vielleicht das Wesentliche unseres Lebens sind!

Plötzlich schoss eine Schwalbe daher, mitten durch den Schwarm der Fliegen. Danach fehlten einige. Hatte die Schwalbe sie verschlungen? Wie dunkel war diese Welt doch auch! Einer Fliege war sogar ein Flügel abgerissen worden. Unsere Eintagsfliege flog rasch zu ihr hinab, erkannte in ihr eine ihrer Schwestern, die mit ihr zusammen an diesem Morgen hoch oben im Baum erwacht war. Lange blieb sie dort, um zu trösten, brachte sogar ein Tröpfchen Wasser, um zu helfen. War das nicht der tiefste Sinn des Lebens im Schwarm? Gab das nicht die tiefste Erfüllung?

 

Dann zog es sie aber wieder zu ihren Partnern – vor allem zu einem, den sie schon vorher getroffen hatte. Sie erlebte nun das große Glück der Vereinigung mit einem Gefährten im Leben. Wäre sie nicht in den Schwarm zurückgekehrt, hätte sie ihn nicht gefunden. Hätte sie nach einem Idealbild gesucht, hätte sie es nicht gefunden. Aber wenn sie beide bereit waren, andere anzunehmen, wie sie waren, solange sie nur auch zum Licht flogen, dann konnten sie ja gemeinsam aufsteigen.

 

Es war später Nachmittag geworden. Die Sonne stand nun schon tiefer. Nun galt es, selber für Junge zu sorgen, die nächstes Jahr ausschlüpfen würden. Dafür musste ein guter Platz gefunden und vorbereitet werden. Lange bemühte sich die Fliege darum, den richtigen Platz für ihre Eier zu finden, wo nicht schon zu viele andere als Konkurrenz waren, wo sie vor Vögeln geschützt, aber den Strahlen der Sonne doch zugänglich waren, wo es genügend Nahrung für die erste Lebensphase der Larven gäbe. Was tun Eltern doch alles für ihre Kinder und finden in den Mühen doch auch ihr eigenes Glück – obwohl sie wissen, dass sie am Glück ihrer Kinder wahrscheinlich gar nicht mehr teilnehmen werden.

 

Dann kam der Abend. Unsere kleine Fliege war müde geworden. Das Fliegen ging nicht mehr so leicht. Die anderen hatten sich alle mehr und mehr in ihre eigenen Verstecke zurückgezogen. Sollte sie jammern? Nein, sie flog noch einmal zu dem schönsten Strauch im Garten, den sie je gesehen hatte. Dann flog sie wieder empor zu dem Baum, von dem sie gekommen war, und setzte sich dort noch höher auf einen Zweig unter ein schützendes Blatt.

Von dort aus schaute sie nun in Ruhe in die weite Welt hinaus. Allmählich war es weniger die weite Welt, die sie erfreute, da diese Welt ihr nun weniger sichtbar wurde. Aber in der Nähe gab es noch so viel Schönes zu sehen – bis ihre Blicke nur noch bei den nächsten Blättern waren.

Dann wurde es ganz dunkel.

Die Augen der Fliege schlossen sich. „Welch ein wunderbarer und erfüllter Tag dies doch gewesen ist“, dachte sie, als sie einschlief. „Ach, wenn ich doch nur noch einen einzigen weiteren Tag leben könnte! Das wäre mein ganzes Glück.“

 

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Und dir wünsche ich für morgen einen wunderbaren Tag … und danach noch viele andere: sieben Tage in jeder Woche …, 365 Tage in nur einem Jahr.

 

Und wenn du wieder einmal in den Garten hinausgehst und eine dieser winzigen Fliegen siehst, grüße sie – lass sie in Ruhe ihrem Leben nachgehen. Möget ihr beide einen erfüllten Tag erleben!

 

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