Eine Begegnung am Himmelstor
Da war nur noch eine kleine Frage: Wie war denn das letzte Jahr gewesen?
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012809
Nun war die Zeit für den sehr alten Mann gekommen, sich ins Jenseits zu begeben. Würde er wohl in den Himmel kommen?
Zaghaft näherte er sich der großen Pforte, an die es anzuklopfen galt. Hoch oben hing das Glöcklein, das nur läutete, wenn wieder eine Seele Einlass zum Paradies gefunden hatte.
Der alte Mann klopfte ans Tor. Heraus trat der leuchtende Engel – oder war es Petrus, der ja die Schlüssel zum Tor hat, selber – und fragte nach seinem Namen.
Dann wurde das große Buch geholt, in dem doch alle die guten und schlechten Taten für jeden vermerkt sind.
Auf der Seite des alten Mannes war etwas eingetragen, aber nicht sehr viel. So sagte der Engel schließlich:
„Das Buch sagt nicht sehr viel über Dich aus. Du hast Deine Arbeit gut getan und Deine Familie redlich versorgt. Ein paar mal hast Du mit Mut sehr Gutes getan, einige andere male aber nicht ganz so Gutes. Was sollen wir da tun? Ach, vielleicht lassen wir dich herein, zumindest zu den einfachen Rängen.
Aber da ist noch eine kleine Frage: Was hast Du eigentlich im letzten Jahr deines Lebens auf Erden Gutes getan?“
Ja, da schwieg der alte Mann. Was hatte er denn im letzten Jahr getan? Er war doch alt geworden und oft etwas müde. Auch war er etwas verschlossen geworden, manche sagten sogar mürrisch. Nichts hatte ihn mehr viel interessiert. So hatte er viel in seinem Zimmer gesessen und hatte nur geträumt – sich nicht um andere gekümmert – die ihn aber doch weiter versorgt hatten.
So konnte er nun nichts antworten.
„Gut“, sagte der Engel:
„Nun geh du noch einmal ein weiteres Jahr auf die Erde zurück. Dann kannst Du wieder kommen und dann werden wir schon sehen, wie es weiter geht?“
Damit schloss sich das große goldene Tor.
Nach einigem Zögern drehte sich der alte Mann herum und ging bedächtig zur Erde zurück.
Er war noch nicht weit gegangen, da kam ihm ein anderer so alter Mann entgegen.
Der ging ganz langsam – Schritt für Schritt – immer wieder anhaltend und sich umschauend, dann lächelnd und einen weiteren Schritt voran gehend – auf das große Himmelstor zu.
„Warum gehst Du denn so langsam, wo Du doch zum Himmelstor gehst?“ fragte unser alter Mann.
„Ja, meine Geschichte ist nicht so einfach“, erwiderte der zweite Mann.
„Schon vor einem Jahr war ich einmal hier. Fast wäre ich hinein gekommen. Da war aber nur die kleine Frage am Ende, was ich denn das letzte Jahr meines Lebens getan habe. Ich war ja alt geworden und da hatte ich halt immer nur in meinem Zimmer gesessen, geträumt, oder das Fernsehen angeschaut – eigentlich ein stumpfes Leben, als ob ich schon begraben wäre.
Da haben sie mich gefragt, ob ich denn nichts mehr von der doch so wunderschönen und oft auch so interessanten Schöpfung des Herrn der Welt mehr angeschaut habe.
‚Nein‘, habe ich da sagen müssen, ‚da habe ich nicht mehr hin geschaut‘.
‚Na, denn geh mal wieder runter zu Deinem stumpfen Leben und lieg‘ mal ein Jahr lang richtig im Grabe. Dann kannst Du noch einmal wiederkommen‘.
Im Grab war es immer nur ganz dunkel und ganz still – denn ich war ja nicht in den Himmel gekommen.
So gehe ich nun noch einmal auf das große Tor zu. Aber ich gehe ganz langsam. Jeder Augenblick hier draußen ist doch so wunderbar! Schau doch nur mal die weißen Wolken am Himmel an mit ihren interessanten Formen. Schau dir doch nur mal all die grünen Bäume und Sträucher an, jeder mit anderen Blättern. Und wie schön sind doch die Blumen und die Tiere. Selbst die kleinen Insekten sind doch so interessant, wenn man sie ganz von nahem ansieht. Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich die Natur studieren und nebenher als Künstler darstellen – vor allem aber mit anderen Menschen harmonisch zusammen sein!“
Da ging der erste unserer alten Männer noch nachdenklicher vom Himmelstor wieder zur Erde hinab.
Aber nach ein paar Schritten hörte er hinter sich das Glöcklein vom großen Tor läuten.
Eine Seele war hinein gelassen worden?
*
Wie unser alter Mann aus seinem tiefen Schlaf in seinem Kämmerlein aufwachte, standen seine Frau und seine Tochter mit sorgenvollen Gesichtern neben dem Bett.
„Wir dachten schon, Du seist gestorben“, sagten sie.
„Habt so ganz herzlichen Dank für all Eure liebevolle Pflege“, sagte der alte Mann.
Das war das erst Mal, dass die beiden Frauen so herzliche Worte und Anerkennung all ihrer Arbeit vom alten Mann gehört hatten. Sie waren tief gerührt.
Der alte Mann ließ sich Schreibpapier und einen Stift bringen und schrieb einen lieben Brief an einen Verwandten oder Freund. Er schaute auch lange zum Fenster hinaus und malte dann das Bild eines Baumes und einer Blume, die er im Garten sehen konnte, auf den Brief – nur um jemandem etwas Freude zu bringen – um irgendwo etwas Licht in die Welt zu bringen.
Telefonierte er dann noch freundlich mit jemandem?
Da schien es ihm, als höre er ganz in der Ferne schon ein Glöcklein läuten.
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