Dank denen, die mir Licht gaben und Wege wiesen

 

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Es waren besondere Menschen,

die meinem frühen Leben eine bessere Zukunft eröffneten

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040708

 

Wenn ich an mein frühes Leben denke, von Kindheit und Jugend an, zu dann beständigeren Bahnen, so kehren besondere Augenblicke des Lichtes aus der Erinnerung zurück. Das waren Momente, wenn mir die Welt plötzlich besser erschien, wenn sich neue Ausblicke oder Erkenntnisse eröffneten auf ein erfüllteres Leben hin. Diese Augenblicke waren jeweils mit einem besonderen Menschen verbunden, der neue Empfindungen oder geistige Richtungen in mein Leben brachte, die mir gestatteten, voranzuschreiten.

Ich bin diesen Personen zutiefst dankbar und möchte die folgenden „Skizzen“ als ein Andenken an sie festhalten.

 

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Meine Eltern, das Licht und die Leitung in früher Kindheit

 

Mit Dankbarkeit denke ich immer wieder daran, wie vor allem von meinen Eltern her Licht und Kraft in mein junges Leben kamen. Mein Vater war eine starke Persönlichkeit mit einem weiten geistigen Horizont. Er erlaubte mir, an zunehmend anspruchsvollen Aktivitäten teilzunehmen, und wies mich auf die Schönheit der Natur hin. Die vielen Unterhaltungen mit ihm trugen zur Entwicklung meines eigenen Geistes bei. Seine Unterstützung gab mir Kraft.

Meine Mutter war mit ihrer Wärme das Herz der Familie. Sie war stets positiver Gesinnung – sowohl in Beurteilung anderer Menschen als auch im Hinblick auf das Leben und Schicksal im Allgemeinen.

Ich sollte mehr über meine Eltern schreiben – aber ich betrachte meine Familie als einen persönlichen Bereich und bitte um Verständnis, wenn ich nun fortfahre, über andere, nicht verwandte Personen zu schreiben, die positive Bedeutung in meinem Leben hatten.

 

 

Herr Behr, der Lehrer meiner ersten Klasse in der Volksschule

 

Nach einem wunderbaren Sommer in Berlin, in dem ich 6 Jahre alt geworden war, kam der Tag, an dem ich zum ersten Mal zur Schule zu gehen hatte. Wie üblich in jener Zeit, trug ich einen Ranzen mit einer Schiefertafel, einem Kreidestift und, an einer langen Schnur, einem kleinen Schwamm, um zu schreiben, zu zeichnen oder alles wieder wegzuwischen. Wir wurden in ein Klassenzimmer geführt, in dem uns ein großer, hagerer, energischer Lehrer erwartete. Er ließ uns hinter den für damalige Zeit typischen Schulbänken sitzen und erwartete absolute Ruhe und Schweigen. Dann redete er eine Zeit lang.

Plötzlich ließ der Junge neben mir, der immer mit seiner Tafel herumgespielt hatte, diese mit einem lauten Klappern fallen – und die ganze Klasse lachte. Der Lehrer aber schritt mit einer dünnen Bambusrute in der Hand herüber und berührte damit – wahrscheinlich nur leicht – die Finger dieses Jungen, während er ihn ermahnte, dass er ruhig zu sitzen habe. Meiner Meinung nach hatte der Lehrer den Jungen geschlagen und ich war entsetzt über diesen Ausdruck von Gewalt.

Am nächsten Tag konnte ich auf dem Weg zur Schule schon nach einer kurzen Strecke nicht mehr weitergehen. Ich stand wie gelähmt vor Angst da, bis Nachbarn meine Eltern herbeiriefen, die mich nach Hause brachten.

 

Nach nur wenigen Tagen war ich bei einer anderen Schule angemeldet. Der dortige Lehrer, Herr Behr, war etwas älter und rundlicher. Als wir morgens ankamen, nahm er seine Geige aus einem alten, blau gefütterten Kasten und spielte wunderbare und fröhliche Musik. Dann forderte er einige von uns Schülern auf, zu erzählen, was wir am Vortag getan hatten und was wir gerne lernen wollten, und hörte aufmerksam zu. Später während des Schuljahres, wann immer einer oder eine von uns Geburtstag hatte, brachte er einen kleinen Kuchen und eine Kerze und spielte eine Melodie nur für den oder die Glückliche.

Natürlich liebten wir alle Herrn Behr und taten alles, um ihm zu gefallen. Die fremde Welt, weg von zu Hause, erschien schön. Lernen machte Spaß. Wir begannen, unseren eigenen Weg ins Leben hinauszugehen.

 

Danke, Herr Behr, dass Sie mich damals gerettet haben und mir einen frohen Weg ins Leben eröffneten!

 

 

Ein Junge namens von Zastrow und die Waldstein-Sonate

 

Mit 14 Jahren kam ich in ein Internat in Davos, hoch in den Schweizer Alpen, damals ein Zentrum von Sanatorien für Lungenleidende. Zum ersten Mal war ich von meiner Familie und allen meinen Freunden getrennt. In jenem Alter lernte ich die Einsamkeit kennen, die dann so sehr ein Thema meines jungen Lebens wurde.

Im Internat gab es Jugendliche mit Tuberkulose und schwerem Asthma. Aber es gab auch einige „Bullies“ und im Benehmen etwas wilde Kinder. Nur einer in unserer Klasse erschien uns als „Schwächling“. Er war immer freundlich zu allen, nahm aber nie an Gruppenaktivitäten teil und war lediglich daran interessiert, Klavier zu spielen.

Abends, nach den Schularbeiten, ging ich gerne früh zur Ruhe, um im Dunkeln allein zu sein, in Einsamkeit und Traurigkeit. Das Fenster meines Zimmers war zum Schulhof gerichtet. Auf der anderen Seite des Hofes lag das Schulgebäude, wo sich auch das Musikzimmer befand. Dorthin zog sich von Zastrow oft am Abend zurück, um Klavier zu üben. Ich muss gestehen, dass ich mich zu Hause geweigert hatte, Klavierspielen zu lernen. Stattdessen schwänzte ich lieber die Schule, um frei zu sein und auf einem der Seen in einem kleinen Boot zu segeln. Zastrows abendliche Musik störte mich meistens – die ewigen Fingerübungen und Etüden oder die wilde Musik irgendwelcher eigenartiger Komponisten.

 

Die Dunkelheit und Einsamkeit einer Nacht im Winter fielen mir besonders schwer. Da wurden meine Gedanken von Zastrows einsetzender Musik unterbrochen. Es begann wild, wie immer. Aber diesmal, im zweiten Satz seines Spiels, dem „Adagio“, erschienen Harmonien, die mir etwas wärmer erschienen, aber immer noch dunkel. Dann plötzlich erklang eine wunderbare Melodie mit zarten Tönen, die in die Sonate eingeflochten waren. Sofort war ich hellwach. Kurz danach kehrte die Melodie zurück, etwas klarer, leichter und mehr im Vordergrund erklingend als vorher. Mein Herz wurde von Freude erfüllt.

Während die Melodie wieder und wieder erklang, fand ich neues Licht und Freude. Das Leben konnte doch schön sein und wert, gelebt zu werden!

Als die Musik zu Ende ging, schlief ich ein und hatte eine wunderbare Nacht voll innerer Harmonie.

Am nächsten Tag redete ich mit von Zastrow. Er erzählte mir, dass er Beethovens „Waldstein-Sonate“ gespielt habe, sein Lieblingsstück. Wir unterhielten uns eine Zeit lang und ich stellte fest, dass Zastrow ein Junge war wie ich, aber mit mehr Sensibilität. Musik war seine Art, mit dem Leben fertig zu werden – und nun war sie eine Quelle des Lichtes für mich geworden.

 

Danke, von Zastrow, dass du mir einen Weg aus meiner inneren Dunkelheit gewiesen hast!

 

 

Herr Gerber, unser Lehrer für Griechisch am Gymnasium

 

Herr Gerber war ein schon etwas älterer schweizer Lehrer, von kleiner Statur und stets sehr korrektem Verhalten. Er hätte irgendein Beamter gewesen sein können, aber er war unser Lehrer für Griechisch in unserer Unterprima, dem vorletzten Jahr des Gymnasiums. Schier endlos waren das Einpauken von unregelmäßigen Verben und das Erlernen der ja recht schwierigen Grammatik im Unterricht und dann bei den Hausaufgaben. Ziemlich langweilig war das Übersetzen irgendwelcher Texte Zeile für Zeile, jeweils in kleinen Abschnitten.

Dann kam das Ende des Weltkrieges. Das Blutvergießen und die Zerstörung waren zum Stillstand gekommen, aber was war übrig geblieben?

In dem Alter verstanden wir nicht, was diese Lage bedeutete, da wir sicher in der Schweiz lebten. Aber Herr Gerber hatte einen weiteren Horizont geschichtlichen Erkennens. Er sah, dass die eigentlichen Sieger dieses Krieges die Amerikaner und die Russen waren. Deutschland war an seinem moralischen und physischen Ende angelangt. Frankreichs kulturelle Führung in Europa war jener von Amerika gewichen. Englands wirtschaftliches und koloniales Weltreich begann zu zerbröckeln. Die anderen Länder waren marginalisiert worden. Europa war an sein Ende gekommen. Würde sein Geist im Westen überleben? Könnte etwas Neues aus der Asche entstehen?

 

Eines Morgens kam Herr Gerber wieder ins Klassenzimmer. Wir saßen mit Grammatik und geöffneten „Ausgewählten Texten“ da, bereit, unsere Arbeit zu tun. Aber Herr Gerber forderte uns auf, alle Bücher zu schließen. Er habe beschlossen, uns zu erklären, was eigentlich die Bedeutung des griechischen Geistes und was eigentlich das klassische Europa gewesen waren.

Während der nächsten Stunde stellte uns Herr Gerber eine fantastische Welt vor, die wir nie hinter jenen Grammatikregeln und mühsamen Übersetzungen vermutet hatten. Er erläuterte uns die Entstehung unserer Kultur, die Öffnung des menschlichen Geistes für rationale Erforschung und Klarheit, die Bedeutung der Freiheit in Demokratien, die auf Gesetzen beruhen, den Anfang unseres Europas. Er las uns zügig griechische Texte vor – etwas aus der „Odyssee“ und die berühmte Rede des Perikles über den Geist Athens sowie Auszüge von Schriften griechischer Philosophen.  Wie er sprach, schien er zu wachsen: von seiner bescheidenen Erscheinung zu selbst einem großen Geist und Erzieher.

Als die Stunde vergangen war, erhob sich Applaus in unserer Klasse – etwas, das ich noch nie im Gymnasium erlebt hatte. Herr Gerber ging still aus dem Klassenzimmer, seiner eigenen einfachen Existenz in einem nun bald beginnenden Ruhestand entgegen.

An jenem Tag war unser Geist über das Gymnasialniveau hinausgewachsen. An jenem Tag wurde uns klar, dass ein höherer Weg von uns erwartet wurde.

 

Danke, Herr Gerber, dass Sie uns erkennen ließen, was Europa bedeutete und was wir als unsere Aufgabe oder Chance sehen konnten!

 

 

Dr. Ludwig Lippmann, mein Mentor in schwierigen Jahren

 

Dr. Ludwig Lippmann war als Jude in Berlin aufgewachsen und hatte im Ersten Weltkrieg als Flugfotograf gedient: Er nahm Bilder der Front aus kleinen Flugzeugen mit offenem Pilotensitz und ohne Fallschirm auf. Später wurde er ein bekannter Chemiker. Dr. Lippmann war von Berlin nach Ascona, Schweiz, emigriert – gerade noch im letzten Augenblick, bevor die Nazis mit der Vernichtung der Juden begannen. Mein Vater, sein bester Freund, hatte Dr. Lippmann beim Weg in die Sicherheit und beim Transfer seiner Finanzmittel geholfen.

Als meine Familie nicht länger meinen Internatsaufenthalt bezahlen konnte, befand ich mich schließlich in einem Lager mit vielen anderen Jugendlichen, die nach dem Krieg ohne Unterhalt geblieben waren. Sobald Dr. Lippmann, inzwischen über sechzig Jahre alt und selbst unter einfachsten Umständen lebend, erfuhr, dass ich in einem Lager ohne Schule sei, unternahm er etwas. Er sorgte schließlich dafür, dass ich in ein Heim für Flüchtlingskinder nach Ascona kam, wo es wahrscheinlich schien, dass ich wieder auf ein Gymnasium gehen könnte. Für die nächsten Jahre wurde Dr. Lippmann, den ich nach alter Gewohnheit „Onkel Ludwig“ nannte, mein Mentor.

Wir trafen uns ungefähr einmal pro Woche zum Abendbrot. Das Essen war einfach, aber die Unterhaltung war die Essenz unserer Treffen: weitreichend, von Wissenschaft zu Politik, über Kunst, Philosophie und das Wesen des Menschen.

Dr. Lippmann war ein engagierter deutscher Patriot geblieben – ich sollte sagen, ein Bewunderer der klassischen deutschen Kultur der Zeit Goethes und Schillers, der Humboldts und der folgenden großen Philosophen und Wissenschaftler. Er hoffte, dass der Albtraum der letzten fünfzehn Jahre überwunden werden könnte und eine neue Kultur und ein neuer Geist entstehen würden – in Deutschland und in ganz Europa. Aber welche Kultur ersehnte er sich? Wie könnte sie in unserer moderneren Zeit gestaltet sein? Das war der Gegenstand unserer vielen Diskussionen.

Schließlich bedeuteten meine Erfahrung und die Lehren aus all diesen Unterhaltungen nicht so sehr eine Lösung unserer geistigen Fragen.  Es war aber das Bekanntwerden mit und das Geführtwerden von dem Ringen mit dem Leben eines bewundernswerten Europäers alter Schule.

Dr. Lippmanns intellektuelle Rationalität war überlegen – nicht nur hinsichtlich seines Wissens, sondern auch seiner oft überraschenden geistigen Assoziationen, Abstraktionen und der Entdeckung neuer Perspektiven. Gleich bedeutend erschien mir, dass sein Intellekt verbunden war mit tiefem menschlichem Mitempfinden, mit warmen Empfindungen des Herzens. Und dann war da sein feiner und oft komplexer Humor – etwa in kurzen Antworten, die schwierige Argumente in Lachen auflösen konnten, oder in überraschenden, sehr komischen Beobachtungen, die alle Überheblichkeit wieder auf den Boden der Realität zurückbrachten –, so sehr an den typischen Volkshumor erinnernd, den man im alten Berlin hatte finden können. Aus all diesem ergab sich eine geistige Souveränität, die ihm die Elastizität und Stärke verliehen, mit seinem schwierigen Leben in einer verwirrenden Welt fertig zu werden. War das etwa Weisheit?  

 

Dank dir, Onkel Ludwig, dass du mich in eine Welt infrage stellender Rationalität, warmen menschlichen Mitempfindens, persönlichen Verantwortungsbewusstseins und des Humors geführt hast!

 

 

Lilly Volkart, die ein Heim für belastete Kinder gegründet und geführt hat

 

Wo konnte ich dann ohne jegliche finanzielle Mittel leben, aber mit der Hoffnung, das Gymnasium in Ascona zu besuchen? Nur in Lillys Kinderheim oben auf dem Hügel. Lilly hatte dieses Heim nach einer sehr schwierigen Zeit in ihren jungen Jahren gegründet, um Kindern, die selbst in Schwierigkeiten waren, zu helfen. Der berühmte Pestalozzi hatte der Schweiz eine Tradition von neuen Wegen in der Erziehung gebracht. Lilly mag ihn übertroffen haben. „Meine Kinder“, wie sie die Jugendlichen nannte, die ihr von der Sozialfürsorge großer oder industrieller Städte der Schweiz überwiesen wurden, fanden Harmonie, Selbstvertrauen und ein neues Aufblühen bei ihr.

Dann kamen die Verfolgung der Juden durch die Nazis und der Zweite Weltkrieg. Zuletzt hatte Lilly in ihr Heim fast hundert jüdische Kinder aufgenommen, die oft auf wunderbare Weise von ihren Eltern in die Schweiz transferiert worden waren. Schließlich nahm Lilly auch noch mich auf – und nutzte ihren Einfluss in der kleinen Stadt, dass mich die Benediktiner in die Abiturklasse jenes Jahres ihrer Klosterschule aufnahmen. Ich bin beiden dankbar, Lilly und den Benediktinern!

 

Während dieser Zeit arbeitete ich unermüdlich, um mit der neuen Sprache – Italienisch – und dem neuen Lehrplan fertig zu werden. Außerdem gab es ja noch die von jedem Kind erwarteten Hilfsarbeiten für das Heim. Aber der Höhepunkt jeden Tages war die späte Unterhaltung mit Lilly. Die älteren Jugendlichen und ich versammelten sich um sie in ihrem kombinierten Wohnzimmer, Esszimmer und Büro. Die Unterhaltung floss frei dahin: von den täglichen Erlebnissen der Kinder zu den Fragen des Heims, von den verschiedenen Charakteren der kleinen Stadt und der Gemeinde allgemein bis hin zu Geschichten aus der Erinnerung.

Auf natürlichste Art ließ Lilly jeden der Jugendlichen von seinem Leben erzählen und damit seine Gedanken, Perspektiven und Ziele entwickeln – oder über ihre Probleme und Möglichkeiten für deren Lösung berichten. Wenn die Unterhaltung über andere Menschen ging, war das nie ein „Zerreißen“ oder Schlechtmachen. Es ging immer darum, die anderen zu verstehen – wenn auch nicht gerade ihrer Haltung zuzustimmen.

Lilly hatte einen gewissen Hang zur Spiritualität: mehr im Leben zu sehen als nur Biologie, Psychologie und Vorwärtskommen. Gab es da etwas Höheres in der Existenz? Etwas, das wir noch nicht verstanden, das aber mehr Bedeutung und Sinn ergab? Aber für Lilly zählte vor allem, was ein Mensch an Gutem in seinem Leben tat. War das auch Weisheit?

 

Danke dir, Lilly, dass du meinem jungen Leben etwas Wärme gabst und ein tieferes Suchen – sowie die Art, andere zu verstehen, bevor man sie kritisiert, und dass du das ständige, bescheidene Streben angeregt hast, Gutes zu tun!

 

 

Dr. George Sichling, ein sehr kreativer Geist

 

Mein erster Job nach dem Studium war in einem kleinen Labor einer sehr großen Firma. Die Aufgabe bestand darin, eine Verwendung für die gerade neu erfundenen Transistoren in dem rasch voranschreitenden Feld der Robotik und Automation zu finden. Die Fantasie der Medien jener Zeit prophezeite, dass in naher Zukunft alle Fabriken von Robotern bedient würden und die Menschheit ein Leben des Müßigganges führen könnte. Aber in unserem Labor mussten wir mit den Problemen auf dem Boden der Wirklichkeit fertig werden, und das verlangte Kreativität.

Dr. Sichling war damals mein Vorgesetzter. Es stellte sich heraus, dass er der kreativste Mensch war, dem ich je begegnet bin. Er hatte einige ungewöhnliche Methoden in seinem schöpferischen Denken. Zum Beispiel sagte er, dass man angesichts eines neu auftretenden Problems nicht gleich nachsuchen sollte, wie andere das Problem angegangen hatten oder welche Lösungen es schon gebe. Man sollte zunächst einmal selbst über das Problem nachdenken und die eigenen Gedanken dazu aufschreiben. Dann erst sollte man eine gründliche Studie der Gedanken anderer Leute vornehmen. Dahinter steht die Erfahrung, dass Neulinge oft Perspektiven zur Lösung eines Problems bringen, die neue Wege eröffnen.

Dr. Sichling war auch der Meinung, bevor man ein Buch über ein Wissensgebiet lese, sollte man erst einmal selbst über dieses Gebiet nachdenken und aufschreiben, was einem dazu einfällt. Es kann sein, dass man aufgrund der eigenen Erfahrungen neuartige Perspektiven entdeckt, die anders sind, als was man dann lesen wird. Diese Ideen würden verloren gehen, wenn man gleich die Gedanken anderer zu lesen anfinge.

Dr. Sichling stellte stets die einzigartige Gültigkeit jeder Idee infrage. Er suchte fortwährend nach neuen Lösungen – hoffentlich besseren. Er liebte es, in neue Wissensgebiete oder neuartige Studien Einblick zu gewinnen. Im Laufe seines langen Lebens hatte er über so viele Probleme gelesen oder diese diskutiert, dass – wann immer etwas Neues aufkam – er eine überraschende Referenz zu völlig anderen Ideen oder Konzepten fand, woraus sich oft eine sehr interessante Kreativität ergab.

 

In drei Jahren Arbeit für Dr. Sichling hatte ich eine gute Anzahl von Patentanmeldungen erbracht (die dann allerdings meinem Arbeitgeber gehörten). Das führte zum Umzug nach Kalifornien, um dort in der Flug- und Weltraumelektronik zu arbeiten, dem damals neuesten und führenden Gebiet technischer Weiterentwicklung und Teil der Welle, die als „Innovation“ die Grundlage von Amerikas Zukunft sein sollte. Nach einigen Jahren führte diese Arbeit zur Gründung meines eigenen Unternehmens auf diesem Gebiet der Innovation – ein lange gehegter Traum. 

 

Danke Ihnen, Dr. Sichling, dass Sie meinen Geist für Kreativität und ständig neue Ideen öffneten!

 

 

Dr. Winkler, ein energischer Industrie-Unternehmer hoher Werte und Ansprüche

 

Dr. Winklers Vater hatte im 19. Jahrhundert als ambulanter Verkäufer von Bändern und Spitzen begonnen und wurde schließlich ein bedeutender Textilunternehmer mit Werken in verschiedenen Gegenden Deutschlands. Das alles zerfiel im Zweiten Weltkrieg. Aber sein Sohn, der junge Dr. Winkler, erbte damals noch eine kleine Spinnerei und Weberei am Rhein, gerade nördlich der Schweizer Grenze. Innerhalb weniger Monate begann er dort, Hemden herzustellen, damals eine wertvolle Ware. Die Hemden konnte er bei der französischen Besatzung gegen mehr Baumwolle und gegen Lebensmittel für seine Belegschaft eintauschen.

Sobald sich Deutschland nach dem Krieg etwas stabilisiert und seine Währung wieder Wert gewonnen hatte, begann Dr. Winkler eine langjährige Kooperation mit dem besten Schweizer Fabrikanten für Textilmaschinen – zur Entwicklung immer besserer Maschinen, die größere Produktivität erbrachten, dabei aber ihre Flexibilität behielten. Man musste ja der Mode folgen und Kosten mussten gesenkt werden. Das waren nun einmal die Grundregeln des Textilgeschäftes. Dr. Winkler baute sein Geschäft auf hervorragende Leistung auf – und auf Vertrauen –, aber stets mit einem guten Sinn für das Ergebnis des Geschäftes – und in absoluter Fairness im Verhalten mit seinen Mitarbeitern.

Nach Hemden folgte die Produktion von Taschentüchern – mit bunten Kanten. Bald kaufte jeder nur noch Winklers Taschentücher. Später kam noch die Herstellung von Anzügen „nach Bedarf“, geliefert innerhalb von nur zwei Tagen nach Auftragseingang – wodurch die Kaufhäuser ihre Lager reduzieren konnten.

 

Dr. Winkler arbeitete stets unermüdlich, immer voll alert, fokussiert, kreativ, wirtschaftlich denkend und wie getrieben – in einem Maß, wie ich es bei keinem anderen Unternehmer je beobachten konnte. Aber wenn Dr. Winkler nicht arbeitete, dann sammelte er Kunst und erfreute sich des Umgangs mit interessanten Menschen.

Ich hatte Dr. Winkler sechs Jahre lang gekannt und er hatte mich stets ermuntert, mein Ziel zu realisieren, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Als ich dann auf dem Gebiet der Luft- und Raumfahrtelektronik in Kalifornien im Jahre 1959 so weit war, zeigte Dr. Winkler die Bereitschaft, den Start zu finanzieren – natürlich für einen wesentlichen Teil der Aktien.

 

Ein Geschäft zu führen war damals neu für mich. Ich machte Fehler und musste lernen. Ich musste durchhalten, erfinderisch sein und Probleme überwinden, um größeren Erfolg zu erreichen – mithilfe ausgezeichneter Mitarbeiter. Dr. Winkler blieb ein Vorbild: im Streben nach hervorragender Leistung und Geschäftsführung, basierend auf Vertrauen, immer voll alert, fokussiert, kreativ, wirtschaftlich denkend und wie getrieben, immer in Fairness den Mitarbeitern gegenüber.

 

Dank Ihnen, Dr. Winkler, für Ihre Unterstützung beim Erreichen meiner Ziele und dass Sie, als meine frühen Jahre zu Ende gingen, mein Vorbild für die vielen Jahre der Arbeit in der Industrie blieben!

 

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War mein Leben nur eine Folge positiver Schritte? Gab es auch Individuen mit negativem Einfluss auf mein Leben? Sicherlich – mehr, als ich mir je gewünscht hätte. Ich musste lernen, mit ihnen fertig zu werden, am besten, sie zu meiden, aber gelegentlich, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Realität des Lebens verlangt manchmal das Darwin’sche Sich-Durchsetzen. Aber unsere Kultur (und das Vorbild meines Vaters bei einem Marine-Engagement im Jahr 1915) zeigt, dass es auch dezente und humane Wege gibt, dies zu tun.

Gab es positive Persönlichkeiten auch noch später in meinem Leben? Sicherlich – ich bin vielen von ihnen zutiefst dankbar. Freude, Erfüllung und Sinn meines Lebens kamen oft vom Kontakt mit solchen positiven Menschen. Die meisten von ihnen sind noch am Leben – oder ihre direkten Verwandten. Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht über derart persönliche Dinge schreibe wie über den Kontakt mit noch anwesenden Freunden in meinem Leben.

 

Nachdem ich nun über Menschen positiver Wirkung auf mein frühes Leben geschrieben habe: Könnte es da nun an mir sein, etwas Licht oder Stütze an jemanden der nächsten Generation weiterzugeben?

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Und nun am Ende all dieser „Kurzgeschichten aus der Vielfalt des Lebens“ ein besonderer Dank an Eva, meine Weggefährtin durch all die bunten Erlebnisse unseres gemeinsamen Lebens.  In dir sah ich so oft wie in einem „goldenen Spiegel“ meine Gedanken und die entstehenden Geschichten mit all ihren vielfältigen Gestalten reflektiert, dadurch oft schöner und wärmer.

 

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