Lustige und andere Tiere in Princeton

 

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Zufällige Begegnungen – etwas Resonanz –
und ein Lächeln bleibt – oder Ruhe

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100309

 

Princeton ist ein ruhiges Universitätsstädtchen – mit dem schön angelegten Uni-Gelände, einem kleinen Geschäftsbereich im Zentrum und den vielen hübschen Häusern mit ihren Gärten, wo die 25000 Einwohner des Ortes leben. Wo ist da noch Raum für die Tiere der Natur?

Am großen „Campus“ der Uni ist alles auf die hohen Anforderungen an die fleißigen Studenten ausgerichtet – oder auf das Forschen der vielen Professoren und Assistenten, die dem nächsten Nobelpreis zustreben.

Aber schau nur in die Randbereiche der Stadt! Da kannst du Rudel von Rehen aus den umliegenden Wäldern bei Nacht und auch bei Tag hereinziehen sehen, um die Blumengärten der Bürger kurzfristig abzuernten. Schau hinauf zum Himmel, wo tatsächlich oft die in New Jersey viel zu sehenden Truthahngeier ruhig kreisen. Öfter sieht man auch die Dreiecksformationen der kanadischen Wildgänse zielbewusst vorbeiziehen. Ihre wilden Schreie der Freiheit und des Fernwehs sind manchmal bis in die Nacht zu hören.

Aber manche Tiere, die ständig in der Ortschaft leben, haben sich mehr an das Wesen von uns Menschen angepasst. Wer kann da noch behaupten, dass diese Tiere keine Fähigkeit zu Bewusstsein, Denken oder Empfinden haben, wenn man sie lange genug mit Einfühlung beobachtet hat?

Lass mich einmal von meinen Freunden unter den Tieren – oder auch von ganz anderen – hier von Haus, Garten und Parks in Princeton berichten.

 

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DAS EICHHÖRNCHEN

 

Wenn ich schreibe, sitze ich meistens am Computer in der oberen Etage unseres Hauses am Fenster eines erkerartigen Vorbaus. Im Sommer bietet dort ein großer japanischer Ahorn Schatten. Dieser Baum bringt auch reichlich Samen zum Verzehr für die Eichhörnchen hervor. Eines dieser Eichhörnchen kennt mich inzwischen recht gut. Es ist dasselbe Individuum, das in meinen schönen Rasen tiefe Löcher gräbt, um darin seine Reserven zu verstecken. Ich rate ihm immer wieder, doch lieber ein Schließfach bei unserer Bank einzurichten, aber es hält dann nur kurz seinen Kopf etwas schräg und hüpft weiter.

Manchmal klettert das Eichhörnchen auf einen Ast direkt vor meinem Fenster. Da sitzt es einige Minuten lang und beobachtet, wie meine Finger auf der Computertastatur tippen. Schließlich schaut es mich an.

„Warum kratzt du eigentlich mit deinen Pfoten immer an derselben Stelle, wo du da doch nie etwas zu fressen findest?“, scheint es mich zu fragen. „Das ist doch keine Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und für schwierige Zeiten oder sogar für das Alter vorzusorgen!“, fährt es fast väterlich fort. Hat es etwa einmal zugehört, als ich mit meinen Söhnen sprach?

„Du musst dich mal etwas anstrengen, herumspringen, hier und da suchen, wo es vielversprechend aussieht. So findet man was Gutes!“, und schon springt es davon – aber nur zum nächsten Ast. Dort frisst es gleich einige Samen vom Baum und schaut dabei über seine Schultern, um sicher zu sein, dass ich auch zusehe und die Lehre endlich verstehe.

Das tut es dann zwei- oder dreimal, immer zu meinem Fenster zurückkehrend. Dann seufzt es, gibt auf und geht seinen eigenen Geschäften nach, mich zurücklassend, um weiter auf der Computertastatur herumzukratzen.

Aus Dankbarkeit streue ich einige Stücke Walnuss unter den Baum.

 

Im Herbst aber, wenn der Frost kommt und sobald die frühe Dunkelheit des Abends sich nähert, sind die Rollen umgekehrt. Ein mildes Licht leuchtet dann aus meinem warmen Büro hinaus.

Dann sitzt das Eichhörnchen auf seinem Ast in der Kälte, schaut mich an, denkt nach, seinen Kopf wieder etwas schräg zur Seite geneigt. Aber um zu beweisen, dass es doch nicht ganz auf der falschen Seite sitzt, springt es hinunter zum Rasen, holt eine Nuss aus einem seiner Löcher und verschwindet damit in seinem Nest aus Herbstblättern hoch in einem Baum, nicht ohne noch einmal triumphierend zu mir zurückgeschaut zu haben.

 

 

DIE KRÄHEN

 

Dieses Jahr hat die bei uns ansässige Krähenfamilie, die zu einem größeren Clan in unserer Stadt gehört, ihr Nest gerade über unserer Terrasse hoch oben in einer Esche gebaut. Wir konnten das eifrige Hin und Her gut beobachten, während das Nest gebaut wurde. Dann kam die ruhigere Brutzeit und schließlich entdeckten wir die kleinen Köpfe der Krähenküken, wie sie über die Kante des Nestes schauten. Die Eltern hatten dann eine harte Zeit, genug Fressen für die Jungen heranzubringen.

Eines Abends aßen wir gemütlich Spaghetti mit Hühnerfleisch auf jener Terrasse unter dem Nest. Die Kräheneltern schauten mit offensichtlichem Neid auf uns herab, zumal so viele Leckerbissen auf dem Tisch waren, dass wir nicht einmal alles aufessen konnten. Wie konnten wir da so komfortabel in unserem Haus zur Ruhe gehen, wo wir doch wussten, dass die armen Krähenküken in ihrem Nest oben hungrig schlafen gehen mussten?

Ich holte also einen Pappteller heraus, lud ihn voll Spaghetti (sogar mit etwas Soße), legte ein paar Stück Hühnerfleisch darauf und brachte das Menü weit unten auf unseren an einem Hang liegenden Rasen, wo ich annahm, dass alles leicht gefunden werden könnte.

Die Krähen brauchten nur einen kurzen Probeflug, um alles gleich zu finden. Beide Eltern setzten sich sofort auf hohe Zweige unserer Fichte und Eiche am Ende des Gartens und ließen weithin krächzend ihre Aufregung erkennen, waren aber viel zu vorsichtig, um gleich zum Fressen hinunterzufliegen.

Es vergingen mehr als zehn Minuten mit der ganz stillen, vorsichtigen Annäherung der Krähen an ihre Beute. Sie schauten immer wieder nervös zu uns herüber, während sie allmählich zu immer niedrigeren Ästen hinabhüpften. Bewegungen oder Laute von uns ließen sie sofort wieder zu höheren Bereichen zurückkehren.

Schließlich landeten beide auf dem Rasen, in sicherem Abstand von dem so verlockenden Teller. Mal die eine, mal die andere der Krähen näherte sich den Gaben mit zögerlichen Schritten, fixierte sie mit schrägem Kopf und zog sich doch noch einmal mit einem großen Hüpfer auf sicheren Abstand zurück.

Dann kam der Durchbruch, als eine der Krähen – war es das Männchen oder das Weibchen? – dicht genug an den Teller herankam, um mit spitzem Schnabel das Ende eines Spaghetti zu erwischen und mit dem sich weiß kringelnden, langen Wurm rasch davonzueilen. Bald kam die andere heran und machte sich gleich mit einem Stück Hühnerfleisch davon. Nun gab es kein Halten mehr. Die Schnäbel versanken tief im angehäuften Essen und bald flogen zwei glückliche Eltern schwer beladen mit großen Flügelschlägen zum Nest empor, von dessen luftigem Rand die erwartungsvollen Küken alles schon mit langen Hälsen und großem Verlangen beobachtet hatten. 

Der Teller wurde leer, bevor es ganz dunkel war, und im Nest herrschte nun zufriedene Ruhe.

Ich kenne diese glücklichen Momente aus der Zeit, da wir mit unseren Kindern jährlich ein Fest zum „Tag der Steuer-Rückerstattung“ bei unserem Vorzugsrestaurant feierten, wobei sogar noch die besten Reste mit nach Hause genommen wurden – nein, nicht für den Hund, sondern für ein spätes „Souper“ der damals immer essen könnenden Teenager.

Wir freuten uns über das Naturschauspiel unserer mietfreien Untermieter auf dem Baum – und wir fühlten uns selbst etwas wohler, da wir ihnen so einmal ausgeholfen hatten. Deshalb stellten wir dann auch weiterhin Essensreste hinaus, fast täglich.

 

Eines Abends aßen wir aber so spät, dass es schon ganz dunkel war, bevor wir fertig wurden. Krähen sind keine Nachttiere. Wir hörten zwar ihre Beschwerden vom Baum herunter, stellten aber den Pappteller mit Essensresten sicher unter den Tisch auf der Terrasse, um ihn von den Vagabunden der Nacht fern zu halten, den Opossums, den anderen dunklen Erscheinungen – und vor allem von der Katze unseres Nachbarn.

Kurz nach sechs Uhr am nächsten Morgen – die Sonne war gerade erst aufgegangen und warf ihr wunderbar goldenes Licht auf die Wipfel der sommerlich grünen Bäume – weckte uns ein nicht endendes, ärgerliches Schimpfen von einer der Kräheneltern, die genau vor unserem Fenster saß, von wo sie uns im Bett liegen sah! Da gab es keine Ruhe mehr – zumindest nicht für mich. Ich musste noch im Pyjama – dass nur die Nachbarn mich da nicht sahen! – den beladenen Teller unter dem Terrassentisch hervorholen und weit draußen auf den Rasen stellen, an den Platz, wo die Krähen ihn mit Recht erwarteten. Dann kehrte endlich wieder Ruhe ein.

 

Inzwischen hatten die Küken das Nest verlassen und saßen nun einige Meter vom Teller entfernt, während die Eltern eifrig zwischen Teller und Küken hin und her eilten. Wie angenehm kann doch das Leben für manche von uns sein!

Außerdem sprach es sich allmählich im großen Krähen-Clan herum, dass in unserem Garten Highlife sei. Erst erschien ein Krähenonkel oder eine Tante, dann hatten wir bald mindestens zehn von ihnen mit ihrem Nachwuchs bei uns, um an der öffentlichen Wohlfahrt teilzunehmen.

Ich habe Erfahrung mit Menschen und gab zu bedenken, dass wir den Krähen mit unserer Fürsorge eigentlich eher Nachteile bringen würden: Die Küken würden nicht lernen, selber Futter zu finden, und der Clan würde sein vernachlässigtes Territorium an andere Nachbarclans verlieren – ganz zu schweigen vom „Krückeneffekt“, der von zu lange andauernder Hilfe kommt.

Von einem Tag auf den anderen wurde also die Essensversorgung gestoppt. Ich habe nie jemandem gestanden, dass ich heimlich weiter ein wenig Essen hinausstellte – natürlich nur für eine kurze Zeit. Wie konnten wir denn so komfortabel in unserem Haus leben, wo wir doch wussten, dass die armen Krähen vielleicht hungrig waren?

Ab und zu kommen die Krähen immer noch zu ihrem Fressplatz und krächzen dann nostalgisch, besonders wenn sie sehen, dass ich sie beobachte.

 

 

DER VOGEL IM BUSCH

 

Ich gehe gerne durch unseren Garten und setze mich dabei auf die Bank unter einem dichten Überhang von Zweigen. Vom Spätfrühling an werde ich meistens von einem kleinen Vogel mit einer melancholischen Stimme begrüßt:

„Jiiiiiiiäääääää!“, klingt es zart und etwas traurig, beginnend mit einem hohen Ton auf der betonten ersten Silbe und auf einem tieferen Ton am Ende ausklingend.

Bald habe ich zu antworten gelernt, und „Jiiiiiiiäääääää!“ klingt es zurück.

Das war genau, was mein kleiner Freund wohl erhoffte: ein bisschen Unterhaltung.

„Jiiiiiiiäääääää!“ – „Jiiiiiiiäääääää!“ So geht es hin und her, eine ganze Zeit lang.

Der kleine Vogel ändert seinen Platz, ist mal zu meiner Rechten, mal zu meiner Linken. Schließlich ruft er genau hinter meinem Rücken hervor. Aber nur eine falsche Bewegung meinerseits – oder vielleicht auch eine falsche Note? –, und schon zieht er sich schnell zurück. Ich habe den kleinen Vogel nur ein einziges Mal gesehen, als ich mich nach ihm umdrehte – mich wie Orpheus fühlend –, und sofort war meine kleine Eurydike weggeflogen, ohne an jenem Tag noch einmal zurückzukehren.

Meist ist unser Garten sehr ruhig. Aber wenn ich zu jenem Busch komme, dann beginnt das etwas melancholische „Jiiiiiiiäääääää! – Jiiiiiiiäääääää!“ wieder. In letzter Zeit habe ich versucht, einen fröhlicheren Ton in unsere Unterhaltung einfließen zu lassen. Manchmal scheint es zu gelingen. Aber der Versuch, gar etwas lebendigen Rhythmus einzubringen, wird glatt abgelehnt. Vögel, die sich trillernd in den Himmel erheben, mögen das in C-Dur tun, oder jene, die Arien am Abend auf Baumwipfeln singen, mögen es in einer Vielfalt von Tonarten vollbringen, aber das kleine Vögelchen im dunklen Busch scheint immer auf ein trauriges Moll gestimmt zu sein.

 

Jetzt ist es Winter. Nur einige Schneevögel, Meisen und auch mal ein kleiner Specht kommen zu unserer Vogelfütterung. So warte ich auf den Frühling und die Rückkehr meines kleinen Freundes, wie von Jahr zu Jahr nun schon seit einiger Zeit.

Lass mich dir schon einmal ein „Jiiiiiiiäääääää!“ als Willkommensgruß im neuen Jahr zurufen!

 

 

DIE MÄUSE

 

Wir haben einen kleinen Anbau hinter unserem Haus für Gäste – wir sagen „Guest Cottage“ dazu, das klingt gut – und wir haben es nicht gerne, wenn da nur von einer umgebauten Garage geredet wird. Dort liegt ein beigefarbener Teppich auf dem Boden, ein chinesischer Drachen aus Seide hängt zwischen den Dachbalken, und die Wand schmückt sogar ein Nachdruck eines berühmten Gemäldes mit wunderbarer Berglandschaft. Den Gästen steht ein schönes Bett zur Verfügung, das mit einer hübschen, bunten Decke hiesiger Volkskunst bedeckt ist, und darunter sind zwei weiche Kissen (wir akzeptieren Paare – verheiratete, wohlverstanden!). 

Diese Cottage ist sehr ruhig – aber manchmal erwähnten Gäste doch raschelnde Geräusche, die vom Gebälk und den Wänden zu hören seien. Was soll das wohl? Nein, da gibt es keinen Geist, der nachts mit seinem Kopf unterm Arm herumläuft, etwa ein Krieger in Uniform von Washingtons Schlacht um Princeton im Jahre 1777, der darauf wartet, dass seine Geliebte aus Hessen kommt, um ihn zu begraben! (Denke jeweils so um Mitternacht daran, wenn du einmal bei uns zu Gast bist – und sprich jenen Geist dann nur freundlich an!)

Einmal erwarteten wir eine Dame zu Besuch. Ich wollte absolut sicher sein, dass es keinerlei Probleme mit den Geräuschen geben würde. Daher setzte ich mich eines Tages während der Abenddämmerung für eine Weile ganz ruhig in die Cottage – sogar mit einer Kamera in der Hand, um ein Bild aufzunehmen von was immer da erscheinen würde. Ja, ich hörte dann tatsächlich ganz gedämpfte Geräusche – vom Bett her. Aber die Geräusche waren schwach und nichts war zu erkennen, weder auf noch unter noch hinter dem Bett, sodass ich nichts daraus machte. Ich habe mir nicht einmal eine Geschichte über die Geräusche ausgedacht, um damit meine Familie aufzuregen.

Eva, meine Frau, musste schließlich das Bett zurechtmachen, bevor unser Gast ankam. Was fand sie da? Unter einem der Kissen präsentierte sich ein schön angelegtes, reichhaltiges Lager von wilden Körnern.

„Mäuse!!!“, schrie Eva entsetzt, sodass ich rannte, um zu sehen, was sie wohl gefunden hatte.

Was sollten wir nun tun?

Ich weiß aus Erfahrung, dass Menschen ganz unterschiedlich auf Tiere reagieren, je nach deren Aussehen. Eine Ratte gilt in der Regel als hässlich und wird gleich abgelehnt. Ein Hamster wird als niedlich empfunden. Eine graue Maus ist auch nicht akzeptabel. Aber so eine kleine Feldmaus mit ganz weißem Fell am Bäuchlein und hellbraunem Fell auf dem Rücken, wie überall in der Wildnis von New Jersey zu Hause, ist so hübsch, dass man Reproduktionen sogar in Spielzeugläden finden kann – als Plüschtiere, mit denen Kinder gerne kuscheln.

Ich besorgte eine Falle. Natürlich fing ich eine Maus. Es war eine von den niedlichen und hübschen Feldmäusen. Die Sache war also erledigt, zumal die raschelnden Geräusche verschwunden waren.

Aber was mit dem Körnerlager tun, das die Mäuse doch so dringend benötigten, um durch den Winter zu kommen? Es wurde ausgeräumt, das Bett wurde mit Shampoo und französischem Lavendelparfum behandelt, das wir noch von der Zeit unserer Wohnung in Cannes hatten, und unser Gast erfuhr gar nichts – und äußerte sich sehr zufrieden über unsere „elegante Unterkunft“.

Aber dann stellten wir doch noch einen Sack mit Grassamen in den verbliebenen Abstellraum der Garage, der gute Verbindung zum Garten und auch zum Gebälk hat.

Die Mäuse erwiderten die Aufmerksamkeit, indem sie dem Bett von nun an fernblieben – zumal sie sowieso die Nähe des Sackes mit dem Grassamen vorzogen.

 

Manchmal wünsche ich mir, dass ich nur einmal kurz ein Nachttier und so klein wäre, dass ich die Mäuse besuchen könnte, um mit ihnen die guten Zeiten zu feiern. Ich würde eine große Party schmeißen – genau dort auf jenen Kissen – mit Tanzen, mit Essen, mit allem.

 

Aber hinterher würde ich natürlich sauber machen.

 

Habt ihr das gehört, ihr wilden Mäuse?

 

 

DAS KANINCHEN

 

Wir haben da so ein wildes Kaninchen in unserem Garten, das wir nach hiesiger Art nur „Bunny“ nennen. Es hat seinen Bau sicher unter einem großen Haufen abgesägter Äste weit hinten im Garten, dort unter den Fichten. Bunny ist ein Einzelgänger – ich sollte besser sagen: eine Einzelgängerin –, denn ab und zu erscheint Bunny im Frühling mit einigen Baby-Bunnies. Sie verschwinden aber, sobald sie etwas gewachsen sind – oder werden sie gar nachts von der Eule geschnappt?

Nur unser erwachsenes Bunny bleibt.

Bunny benimmt sich gut und frisst meistens nur das Gras von unserem Rasen. Aber an einem Sommer, als wir hier eine große Trockenheit hatten und das Gras braun und grau geworden war, stellte sich Bunny auf ihre Hinterläufe und fraß doch tatsächlich die Blüten unserer kleinen, weißen Blumen ab, die wir im schattigen Teil des Gartens angepflanzt hatten. Eva wurde recht ärgerlich. Ich schimpfte Bunny ordentlich aus und legte etwas frischen Salat dorthin. Ich bot ihr sogar einen Napf mit Wasser an – der dann von den anderen Tieren nachts ausgetrunken wurde. Aber ich stellte dahinter auch eine Falle für Bunny auf, ausgestattet mit allerhand köstlichen und saftigen Dingen als Köder.

Aber Bunny – die doch so naiv aussieht – ist viel zu schlau, um in die Falle zu gehen.

 

Im Lauf der Zeit hatten wir uns alle aneinander gewöhnt. Bunny versteckte sich nicht mehr, wenn wir in den Garten kamen. Wir konnten uns ihr bis auf wenige Schritte nähern, wenn wir ganz langsam gingen.

Wir erzählten unserer damals vierjährigen Enkeltochter Christina in Kalifornien von Bunny. Sie wollte ganz aufgeregt gleich zu uns kommen.

Als sie einige Monate später wirklich einmal zu Besuch kam, fragte sie sofort nach Bunny.

So gingen wir denn in den Garten und – wir konnten es selbst nicht glauben – da saß bereits Bunny, als habe sie auf Christina gewartet. Dort, im unteren Teil unseres am Hang hinuntergehenden Rasens, kaute sie gemütlich am Gras herum.

Christina wollte gleich losrennen, um Bunny zu begrüßen, aber wir erklärten ihr, dass sie ganz langsam gehen müsste und dabei nicht reden dürfe – sonst würde sie Bunny erschrecken.

Es war ein wunderbarer, sonniger Tag und alle Blumen blühten – und da ging unsere kleine, blonde Enkeltochter vorsichtig einen Schritt nach dem anderen den Rasen hinab auf ihre neue Freundin Bunny zu.

Bunny schien unsicher und tat, während sie weiter Gras fraß, als ob sie Christina nicht sehen würde. Aber ich bemerkte doch, dass ihr Kopf zu dem Kind gewendet war und ihre Augen immer dahin schauten.

Als Christina nur noch wenige Schritte von Bunny entfernt war – nun sehr, sehr langsam gehend –, stellte sich Bunny auf seine Hinterläufe, die Ohren nach oben gereckt, die Vorderpfoten erhoben, und sah Christina direkt an.  Christina hielt sofort mitten im Schritt inne, einen Fuß nach hinten noch vom letzten Schritt erhoben, auch beide Hände leicht erhoben, und lächelte Bunny mit hellen Augen an.

Wie konnte Bunny dem widerstehen?

Es sah so aus, als ob auch Bunny lächelte. Welch ein Bild!

 

Gerade jetzt in diesem bezaubernden Moment erschallte ein lautes Geräusch von einem der Nachbargärten. Schneller, als das Auge folgen konnte, war Bunny zwischen niedrigen Pflanzen verschwunden.

Christina blieb einen Moment lang in ihrer lieblichen Pose alleine dort im Sonnenschein auf dem Rasen im Garten stehen. Hatte sie gerade ein Märchen erlebt? Hatte sie gerade auch die Realität erfahren?

Langsam wendete sie sich zu uns zurück, halb lächelnd und halb weinend, und wurde von ihrer Mutter in die Arme geschlossen.

 

Bunny habe ich nun schon ein halbes Jahr lang nicht mehr gesehen.

 

 

DER SEHR SCHÖNE VOGEL

 

Da hatten wir einmal am Sonntag den Muttertag hier in Amerika.  Gerade an dem Tag bot die “Audubon Society”, die Vogelschutzgesellschaft, eine Vogelbeobachtungs-Wanderung durch den Institutswald an, morgens um 8 h bereits, weil da die Vögel noch schön zwitschern.  Wir hatten sowas noch nie mitgemacht, Eva war bereit mitzukommen, das Wetter war strahlend schön und so gingen wir dahin.  Wir trafen dort vor allem ältere Leutchen, alle mit umgehängten Ferngläsern und großen Hüten oder Mützen gegen die Sonne.  Man trug lange Hosen und Kniestrümpfen, wobei aber die Strümpfe über die Hosenbeine gezogen waren, gegen die Zecken im Walde.  Dazu trug man grobe Stiefel, und über alles die verschiedenfarbigsten Überzüge, von Trainingsanzugteilen bis zu ausgeblichenen Wanderausrüstungen.  Alle hatten fröhlich-erwartungsvolle Gesichter. 

Es ging los und schon rief der erste:  “Roter Warbler, drei Uhr, am Baum mit der großen Gabel!”

Alle Ferngläser erhoben sich in jene Richtung!

 

“Nein, der ist orange, das ist doch die orangene Variante!”, erklang es von einem anderen.

 

Wir konnten den Vogel nicht finden, nun lernend, daß drei Uhr die Richtung von der Mitte des Stammes jenes bezeichneten Baumes aus bedeutete.

Nun kam “ein Oriol, 9 Uhr am dünnen Baum hinter dem Busch!”

 

“Welch wunderbare schwarze Augen!”

 

Auch hier wieder entdeckten wir den Vogel erst, als er wegflog.

 

Ein Mitwanderer erzählte unentwegt und leider viel zu laut von den seltenen Vögeln, die er bei der letzten Tour vor einer Woche ganz woanders beobachtet hatte.  Ich erinnerte mich aber an die Waldgänge mit meinem Vater auf der Pirsch in Landin, in absoluter Stille, in ganzer Einstellung auf die Natur.

Wir erreichten eine Lichtung, die Ferngläser sofort wie Flugabwehrgeschütze in alle Richtungen nach oben ausgefahren.  Keiner der Vogelfreunde außer Eva bemerkte, daß wir auf einem Feld von wunderbaren Waldblümchen standen, zart, leicht lila, Ihre Köpfe zwischen feinen Blättern in der Morgensonne erhebend.  Bald waren sie zertrampelt.

So gingen Eva und ich allein nach hause zurück, ich froh, daß ich meine “rosa Variante mit den wunderbaren blauen Augen” 9 Uhr neben mir gehen hatte.

 

Was war das?  Ein Vogel direkt vor uns, keine 6 Meter, auf einem Zweiglein am Gebüsch!  Der mit grauem Rücken, sonst weiß, aber einem hellroten Einsatz, wie einen Latz, unter dem Schnabel.  Genau der schöne Vogel, dessen Bild ich neulich als Titelbild auf einer Naturzeitschrift sah und der mich zu dieser Tour veranlasst hatte.  Genau der saß nun hier in freier Natur vor mir! 

Wir blieben wie angewurzelt stehen, der Vogel uns genauso interessiert anschauend, wie wir ihn.  Wie wir langsam unsere Kamera hoben, huschte er leider weg. 

Begeistert schauten Eva und ich von nun an unentwegt weiter nach Vögeln, bis wir beim Auto zurück waren, überhaupt nicht mehr beachtend, wo und über was wir langgingen!

 

 

DER BRUMMER

 

Wo ich schon bei Vögeln bin, muss ich gerade noch die Geschichte von Siegfried und dem Brummer erzählen:  Wir gehen abends zur Ruhe, schalten die Lichter aus,  ....  “brrrummm” .. fliegt was durchs Zimmer.  Na ja, wird sich schon irgendwo hinsetzen.

 

“Brrrrrrruuuummmmmmmmm!”, genau über unsere Köpfe weg!

 

Eva tut als ob sie schläft.  Ich verkriech mich erst einmal ganz tief unter die Decke und leg noch ein Kissen auf mein Ohr.  In leisestem Adagio höre ich aber dennoch “brrruummmmm”!

Ich, hochgefahren, stelle fest, daß es nur ein ferner Lastwagen war, der nun irgendwo hinter der Stadt verschwindet.  Also lege ich mich wieder normal, ohne Kissen auf den Ohren, hin.

 

“Brrrrrummmmmmmm!”, ging es wieder genau über mich weg ins Dunkle!

 

Nun Licht an, einen Pantoffel aus dem Bad geholt und als Siegfried trat ich dem Ungeheuer entgegen! 

Licht war ein Fehler, denn nun herrschte absolute Stille!

Licht wieder aus.

 

“Brrummmm  .....  klatsch!”, flog das Ungeheuer gegen die Fensterscheibe.

 

Ein Satz durchs dunkle Zimmer (zum Glück nicht gegen einen Gegenstand gerannt, auch nicht in der Lampenschnur verheddert!) und “klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch, klatsch” einmal gegen jede der zwölf kleinen Fensterscheiben geschlagen, die zusammen unser Fenster bilden (Eva schrie schon nach der vierten Scheibe: ”Aufhören!!”).  Nun ist aber Ruhe! Sieg! Siegfried ging stolz zurück zu seiner schlummernden (oder?) Brünhilde.

 

“Brrummmm  .....  klatsch!”, das Vieh flog nun gegen die Scheibe an der gegenüberliegenden Wand, denn draußen war Vollmond.

 

Hah!  Geist wird sich nun über rohe Gewalt erheben!  Ich öffne die Tür, knips draußen ein Licht an und warte bis der Brummer draußen ist.  Da ich vergaß, die Brille aufzusetzen, konnte ich ihn aber nicht sehen.  Dann zurück ins dunkle Schlafzimmer und nur noch mit der Hand durch den Türspalt reichend das Licht ausgemacht, die Tür aber schnell zugezogen!

Zurück zur Ruhe!  “Mich hätte er nicht gestört”, erklang da noch eine Stimme aus den Kissen neben mir!  So eine Frechheit!

Hatte ich da eben im Einschlafen doch wieder den Brummer gehört?  War der Kerl durch den Spalt unter der Tür wieder reingekommen?

 

Am nächsten morgen stehe ich in meinem Bad unter der Dusche.  Es klopft wie wild an meiner Tür.  Ich werde nicht gern beim Duschen gestört. 

Verärgert Wasser abgedreht:  “Was ist los?” gebrüllt und ein Handtuch umgehängt.

Die Tür geht langsam auf.  Durch die Türspalte schiebt sich Brünhildes Hand.  Auf weißem Papiertaschentuch ruhte in der Mitte schwarz und tot der große Brummer! 

Er war in ihrem Ankleideraum gewesen. 

Sie hatte ihn mit einem einzigen Klatsch erledigt! 

 

“Ein Glück für euch Männer, daß es keine echten Ungeheuer mehr gibt!”, hieß es später noch!

 

***