Troy

 

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Das Helle und die Finsternis in einem gestörten Leben

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040708

 

Woher kommt der Eindruck des Hellen in einem Bild, das man sieht? Das Helle eines Bildes ergibt sich doch aus seinen lichtvollen Bereichen, die man wahrnimmt und in Erinnerung behält. Manchmal sind sie in ihrem Effekt durch Schatten verstärkt – außer wenn die Schatten zu dunkel sind, stören und sogar überwiegen. Dann wird das Bild dunkel. Ich glaube gerne an das Positive in meinen Mitmenschen. So erkannte und erinnere ich mich immer noch an das Licht in Troys gestörtem Leben – und hoffe nur, dass das Finstere darin sich noch auflösen wird. Was hätte ich denn sonst empfunden oder wie hätte ich mich verhalten sollen, wenn er wirklich einer meiner Brüder gewesen wäre?

 

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Troy lebte dort, wo ich als ehrenamtlicher Helfer in der „armen“ Gegend einer früher industriellen, nun aber verarmten Stadt Amerikas tätig war. Aber es hätte auch in einer ähnlichen Gegend einer anderen Stadt irgendwo anders in der Welt sein können. Das bedeutet, dass ich Troy im schwarzen Teil jener Stadt traf, wo viele Frauen von ihren Männern verlassen wurden und nun als alleinstehende Mütter ihre Kinder mittels Sozialhilfe großzogen, während die Männer oft ein unstabiles Leben führten. Aber es hätte ja auch im weißen Teil einer zunehmend verarmenden früheren Bergwerksstadt in den Appalachen sein können – oder irgendwo anders in der Welt. Mehrere Häuser waren hier verwaist und mit Brettern zugenagelt. Die meisten Häuser sahen heruntergekommen aus. Ab und zu gelang es einer Familie dennoch, sich entschlossen aufzuraffen, zusammenzubleiben, ihr Haus in Ordnung zu halten und gute Kinder für eine bessere Zukunft aufzuziehen – um dann aber gemeinsam aus dieser Gegend fortzuziehen.

Am auffälligsten war ein Haus in einer Seitenstraße. Eigentlich war es nur ein einfaches, zweistöckiges Reihenhaus neben einem freien und vernachlässigten Grundstück. Dieses Haus hatte einen grauen Verputz. Einige Stufen führten zur Eingangstür empor. Auf jeder Seite derselben befand sich ein schmales Fenster. Aber das Beeindruckende war, dass jeweils an den Enden dieser Stufen Töpfe mit üppig blühenden Blumen aufgereiht waren.

„Wer lebt hier eigentlich?“, fragte ich die Nachbarn.

„Ach, das ist nur der Troy – etwas gestört ... Sie verstehen schon, was ich meine.“

Nein, ich wusste nicht, was gemeint war. Ich erfuhr nur nach weiterem Herumfragen, dass Troy ein arbeitsloser, älterer schwarzer Mann war, der gelegentlich die Straße rechts und links neben seinem Haus sauber hielt, jedem half, der einmal Hilfe brauchte, und von der staatlichen Wohlfahrt lebte – eben wegen dieser geistigen Störung oder Schwäche.

 

Eines Tages hielt ich einmal vor Troys Haus an, als ich mit meiner Frau durch die Gegend fuhr. Vor all den Blumen auf der Treppe stand da gerade ein älterer Mann, groß gewachsen und sehr mager, mit grau werdendem, kurz geschorenem Haar und dunkler, fast schwarzer Hautfarbe. Das war Troy.

Ich kurbelte das Autofenster herunter und rief: „Wunderbare Blumen sind das ja!“

Troys Augen leuchteten auf. Er ergriff sofort einen Blumentopf und kam ans Auto. Dort überreichte er meiner Frau den Topf mit einem weiten, warmen Lachen, das seine weißen Zähne sehen ließ, und sagte ihr, dass sie doch bitte seine Freude an den Blumen teilen möge.

 

Der Winter verging und der nächste Frühling kam. Als ich wieder einmal durch jene Gegend fuhr, bemerkte ich etwas in dem vorher verlassenen und ganz verwilderten Grundstück direkt neben Troys Haus. Irgendjemand hatte darin einen kleinen Bereich aus schön arrangierten Steinen angelegt. In deren Mitte nun stand eine kleine weiße Statue der Jungfrau Maria auf einem kunstvollen Rahmengestell mit einer amerikanischen Fahne auf jeder Seite. Sobald ich konnte, besuchte ich Troy, um mehr darüber zu erfahren.

Ja, er war es, der dies alles aufgebaut hatte. Er hatte einen alten Artikel über die Erscheinung der Madonna von Fatima gelesen und war von dieser Erscheinung vor so vielen Jahren in Portugal derart bewegt, dass er sich vornahm, für diese Madonna auf jenem leeren Platz neben seinem Haus eine Gedächtnisstelle zu errichten. Hatte er etwa ihren Segen für diese elende Gegend der Welt erhofft? Die rauen Jugendlichen der Nachbarschaft brachten das „Memorial“ nachts immer durcheinander. So musste Troy nicht nur die Fahnen, sondern auch die Madonnenstatue jeden Abend in sein Haus holen und am nächsten Morgen neu aufstellen.

Einige Tage später fuhr ich zufällig bei einer Blumenhandlung vorbei und sah, dass Geranien im Ausverkauf angeboten wurden. So kaufte ich mehr als ein Dutzend Pflanzen mit roten, rosa und weißen Blüten und brachte sie Troy, der sie freudig annahm – wieder mit seinem weiten, warmen Lachen und diesmal sogar mit einer Umarmung. Er sei glücklich, die Blumen zur weiteren Verzierung jener Gedenkstelle für die Madonna verwenden zu können!

So waren wir richtige Freunde geworden. Ich hielt oft an Troys Haus. Er kam dann immer heraus, um mich herzlich zu begrüßen mit seinem großen Lächeln, manchmal wieder mit einer Umarmung. Dann unterhielten wir uns für eine Weile, bis ich weiterfahren musste, um meinen Aufgaben in der Stadt nachzugehen. In seiner einfachen Art erinnerte mich Troy an die Bergpredigt: Gesegnet sind, die geistig arm sind, die reines Herzens sind, und auch die Sanftmütigen. Und er erinnerte mich auch an die Preisung der Kinder.

 

Im Laufe dieser Zusammenkünfte erfuhr ich mehr über Troy, als er mir von seinem Leben zu erzählen begann:

Troy war vor 66 Jahren geboren worden, als Sohn eines schwarzen Landarbeiters in Louisiana. Er muss einen guten Vater gehabt haben, der ihn als kleinen Jungen mit nach Newark nahm, jener Stadt im nördlichen New Jersey, wo er bessere Arbeit gefunden hatte. Der neue Arbeitgeber, ein reicher weißer Landbesitzer, war offenbar ebenfalls ein guter Mann. Er lud den kleinen Troy ein, mit seinen eigenen Kindern zu spielen. Eines Tages kratzte er sogar die Hände seiner Kinder und jene von Troy etwas an und ließ sie sie alle aneinanderpressen – wie in den alten Erzählungen. Damit erklärte er sie nun zu „Blutsbrüdern“.

Troy tat sich in der Schule nicht so gut, aber er war ein ausgezeichneter und intelligenter Landarbeiter. So wurde er zum Aufseher der südamerikanischen Wanderarbeiter befördert, die jedes Jahr für ein paar Monate zur Ernte erschienen. Später bemerkte ein weißer Freund des Arbeitgebers, ein Anwalt, Troys Intelligenz und bot ihm einen Job in seinem Büro an. Dabei ging es wohl vor allem um das Ausliefern und Abholen von Dokumenten vom Gerichtsgebäude und von anderen Anwälten. Aber nebenher brachte er Troy allerhand über Verträge und Prozessführung bei. Troy berichtete mir, dass er an vielen Prozessen teilgenommen habe – wahrscheinlich waren es Vergleichsverhandlungen – und dass seine Seite immer gewonnen habe!

Troys Erzählungen entnahm ich, dass er der lokalen schwarzen Gruppe der Freimaurer beigetreten war oder einer ähnlichen Organisation, die ihre Zusammenkünfte immer in einem Raum über einer Bar gerade in jener Gegend abhielt, wo ich Troy kennengelernt hatte. Als ich einmal nach dieser Bar suchte, fand ich das bezeichnete Gebäude mit der früheren Bar verlassen und in totalem Verfall. Aber eines Tages sah ich dann doch, wie einige gut angezogene ältere schwarze Männer durch eine Hintertür hineintraten, die zu einer Treppe zum Obergeschoss führte. Trafen sich etwa die alten Freimaurer immer noch dort oben?

 

Troy fuhr fort, mir zu erzählen – diesmal mit einem ernsten, fast verstörten Gesicht, wie ich ihn nie vorher gesehen hatte –, dass er eines Tages aufwachte und „die Stille des Todes überall um sich herum hörte“. Welch ein Ausdruck! Er berichtete mir, er sei damals so erschrocken, dass er den ganzen Tag lang zu Hause blieb. Erst abends, als er hungrig war, traute er sich hinaus, um etwas zu essen zu finden. Das führte ihn an jener Bar unter dem Freimaurertreffplatz vorbei. Hatte er vielleicht in der Bar eine Erfrischung suchen wollen? Aber zunächst, so sagte er, sei er auf der gegenüberliegenden Straßenseite geblieben.

Er sei schon vor einiger Zeit einmal in dieser Bar gewesen. Da hatte ihn ein besonders grober Trinker wegen seines guten Anzugs und seiner besseren Ausdrucksweise angepöbelt. Als er dann die Bar im Ärger darüber verließ, war ihm der Grobian gefolgt und hatte ihn mitten auf der Straße schlimm verprügelt. Die anderen Kunden der Bar hätten damals nur zugeschaut, ohne ihm zu Hilfe zu eilen oder Hilfe herbeizurufen. Später hatte ein guter Freund von Troy ihm eine kleine Pistole in seine Jackentasche geschoben, als letztes Mittel der Verteidigung im Falle eines zukünftigen lebensbedrohlichen Zwischenfalles – so berichtete Troy.

An diesem Abend nun, als Troy an der Bar vorbeiging, kam gerade jener Grobian aus der Tür heraus. Als er Troy auf der anderen Seite vorbeigehen sah, rannte er hinüber und schrie laut: „Diesmal werde ich dich aber richtig erwischen!“

Troy erzählte mir dann, dass er derartig erschrak, dass er instinktiv nach der Pistole in seiner Jackentasche griff. Ein einziger Schuss fiel – der Grobian stürzte sofort tot zu Boden.

Diesmal reagierten die Kunden der Bar anders. Sie riefen sofort die Polizei. Troy kam auf zehn Jahre ins Zuchthaus, so berichtete er mir. Nach seiner Entlassung vor nun schon so vielen Jahren lebte er ruhig in seinem Haus mit den Blumen, als ein vorbildlicher Bürger und guter Nachbar, wie es mir schien, aber von seinen Nachbarn immer mit Distanz behandelt.

Nur einmal sah ich Troy verärgert – ganz plötzlich –, als ein Besucher seine Unterhaltung mit mir ein zweites Mal unterbrach. In dem kurzen Augenblick schien Troy wie ein anderer Mensch zu sein. Sein Gesicht verzerrte sich und wurde bitter. Scharfe Worte kamen aus seinem Mund – aber nur für einen Augenblick –, dann war er wieder der alte, freundliche Troy. Ich habe dieses Phänomen gelegentlich bei sonst bescheidenen Menschen erfahren – da muss man schon sehr aufpassen: Sie müssen sich ja auch zu verteidigen wissen, wenn sie in eine Ecke gedrängt werden in dieser doch oft so grausamen Welt. Aber auf Dauer kann es dann doch passieren, dass irgendwann einmal ihr vorübergehender Zorn ihnen selbst sehr schadet.

 

Einige Monate, nachdem ich diese Geschichte aus Troys Leben gehört hatte, geschah ein Mord in jener Nachbarschaft. Die Leiche wurde in der verlassenen Bar unter dem Freimaurertreffpunkt gefunden. Zu meinem Schrecken erfuhr ich, dass Troy von der Polizei festgenommen worden war. Durch unerwartete Umstände wurde ich gerade mit dem Anwalt bekannt, der Troy schon bei früheren Gelegenheiten geholfen hatte.

Nun erfuhr ich allerdings eine ganz andere Darstellung von Troys Leben. Ich fühlte mich, als würde ich eine jener Geschichten von Scott Fitzgerald lesen oder sogar erleben, die glücklich und harmonisch anfangen, dann, Kapitel nach Kapitel, langsam zerfallen und schließlich in Finsternis enden.    

So erfuhr ich, dass schon in Troys jungen Jahren ein erster Schatten auf sein Leben fiel, als er noch Aufseher der Wanderarbeiter auf der Farm war. Troy hatte wohl ein etwas hitziges Temperament entwickelt. Ein böser Zwischenfall fand statt, bei dem er einen der Farmarbeiter verletzte. Aber der mit ihm befreundete Anwalt hatte Troy wieder herausholen können.

Auch ein paar weitere Szenen von hitzigem Temperament müssen wohl im Laufe der Jahre noch vorgekommen sein. Und dann war da der Bericht des Anwalts von einem Zwischenfall, bei dem eine Gruppe Männer vor einer Bar standen. Ein Schuss war gefallen und ein Mann getötet worden. Troy wurde angeklagt, den Schuss abgefeuert zu haben. Aber dem Anwalt gelang es noch einmal, die Geschworenen am Gericht davon zu überzeugen, es liege kein eindeutiger Beweis vor, dass wirklich Troy den Schuss abgegeben habe. Also blieb er wieder frei.

Als Nächstes kam der Bericht, dass Troy eine Zeit lang als Informant der Polizei in seinem Stadtteil gearbeitet habe. Da kam dann aber ein Skandal ans Tageslicht wegen falscher Auszahlungen und Unterschlagungen seitens der Polizei. Troy wurde darin verwickelt und erhielt schließlich eine mehrjährige Gefängnisstrafe – falls meine Information stimmte, denn die Geschichte klang verschieden, je nachdem, wem man zuhörte oder glaubte.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis kehrte Troy zu seiner Frau und seinen Söhnen zurück. Ja, wirklich! Denn nun stellte sich heraus, dass Troy schon seit einigen Jahren in wilder Ehe mit einer Frau lebte und es zwei Söhne gab: Einer stammte aus einer früheren Liaison der Frau; der zweite war vielleicht Troys Sohn – so glaubte er jedenfalls.

Eines Abends saßen Troy und seine Frau auf ihrer Veranda vor dem Haus – so erzählte mir Troy auf meine Frage –, als seine Frau einen Einbruch weiter unten in ihrer Straße beobachtete. Sie meldeten es der Polizei und diese Tatsache wurde in der Lokalzeitung berichtet. Bald darauf, als Troy einmal kurz außer Haus war, um einen Drink an der Bar zu sich zu nehmen, fuhr ein Auto an ihr Haus heran, von denselben Männern gefahren, die den Einbruch verübt hatten, so erzählte mir Troy. Zu der Zeit stand seine Frau am Zaun ihres Hauses. Der Fahrer steuerte das Auto gegen Troys Frau und drückte sie dabei heftig an den Zaun. Dann fuhren sie rasch davon, bevor irgendwelche Zeugen erschienen. Troys Frau starb kurz darauf im Krankenhaus an ihren Verletzungen, aber nicht, ohne vorher erklärt zu haben, dass Troy an diesem Unfall unschuldig sei. Die polizeiliche Untersuchung erbrachte keine weiteren Tatsachen. Daher wurde Troy nicht angeklagt – und auch nicht die Fahrer des Wagens.

 

Nun aber, zehn Jahre später, als der genannte Mord in jener Gegend stattgefunden hatte, in der Troy lebte, erschien irgendwie sein Name in der Zeitung. Zu jedermanns Überraschung tauchte nun sein älterer Sohn oder Stiefsohn auf, der schon lange das Haus verlassen hatte und inzwischen erwachsen war. Er brachte völlig neue Anklagen gegen Troy auf, indem er ihn beschuldigte, seine Mutter vor vielen Jahren ermordet zu haben. Er behauptete, Troy habe nach der Entlassung aus dem Gefängnis seine Frau der Untreue während seiner Abwesenheit beschuldigt. Eines Tages, in einem Anfall erneuter Wut, habe er seine Frau, die Mutter dieses Jungen, zu Tode geschlagen, während jener, damals noch sehr jung, oben von der Treppe aus alles beobachtet habe. Auch andere Leute meldeten sich nun und sagten gegen Troy aus.

Das war der Grund, warum Troy von der Polizei festgesetzt worden war. Für Mord gibt es keine Verjährungsfrist.

Bis dahin hatte ich Troy als vorbildlichen Bürger und als herzlich guten Menschen gekannt, jederzeit mit einem freundlichen Lachen. Wie konnte ich ihn da einfach so fallen lassen, nur auf Grund von Anschuldigungen, die sich vielleicht als völlig falsch herausstellen konnten? Sollte nicht auch bei ihm der Grundsatz gelten, ihn als unschuldig zu sehen, solange er nicht einer Schuld überführt war?

 

Es dauerte einige Zeit, bis ich Troy in einem der Gefängnisse des Staates New Jersey ausfindig machen konnte, und zwar in demjenigen, welches „Das Arbeitshaus“ genannt wurde. Es dauerte noch weitere Zeit, bis ich Troy dazu brachte, mich auf seine Besucherliste zu setzen. Dieses ist eine Vorsichtsmaßnahme, um die Gefangenen vor unliebsamen Besuchern zu schützen.

Schließlich fuhr ich zum „Arbeitshaus“, einige Meilen den Fluss aufwärts, wo sich auf jeder Seite eine Reihe steiler und bewaldeter Hügel hinzieht. Ich erinnere mich noch genau, dass zufällig – wie in einer Gräuelgeschichte – der Tag grau und dunkel war und eine Schar schwarzer Vögel, entweder Geier oder Krähen, in der Höhe kreisten. Oben auf einem der Hügel fand ich die niedrigen Gebäude des Gefängnisses, umgeben von mehreren hohen Gitterzäunen mit darüber hängendem, dichtem Rasierklingen-Stacheldraht.

Ich musste durch mehrere Zaunsperren hindurch und an Wachen vorbei, mich einschreiben und mit anderen Besuchern eine Zeit lang warten. Es waren nur ungefähr zwanzig oder dreißig andere Besucher da – warum eigentlich nicht mehr für die vielen Hunderte von Gefangenen? Die meisten Besucher waren Schwarze, einige südamerikanischer Herkunft, aber nur wenige aus der weißen Arbeiterklasse. Was stimmt nicht mit unserer Gesellschaft, dass dieses Ungleichgewicht besteht? Wer oder was ist schuld daran: die Gefangenen oder das System?

Einige Besucher waren älter – die Eltern der Gefangenen? –, einige mittleren Alters – etwa die Ehepartner? –, einige im späten Teen-Alter – die Geliebten? –, und dann waren da noch ein paar Kinder, die mitgeschleppt wurden.

Nach ungefähr einer halben Stunde wurden wir eingelassen. Es ging erst an einer geräumigen Turnhalle vorbei – Körperertüchtigung und Muskelbildung ist eine bevorzugte Tätigkeit der Gefangenen in ihrer Freizeit. Dann wurden wir Besucher in Gruppen zu fünf oder sechs jeweils auf eine Reihe von Hockern vor ebenso viele kleine Fenster gesetzt, die in die Wand zu einem anderen Innenraum eingefügt worden waren. Nach einiger Zeit kamen die Gefangenen in jenen anderen Raum herein, geführt von ihren Wächtern, und nahmen ihrerseits auf Hockern hinter den entsprechenden Fenstern ihrer Besucher Platz – einige mit Freude, andere ausdruckslos. Der Schall der Unterhaltung konnte nur durch einige enge Schlitze unterhalb der Fenster zur jeweils anderen Seite gelangen. So wurde es dann sehr laut, als sich jeder mit seinem Partner zu unterhalten versuchte. Wir bückten uns alle tief zu den Schallschlitzen hinunter und genauso taten es die Gefangenen. In dieser buckligen Position, dann nur den Rücken des tief hinuntergebückten Gesprächspartners auf der anderen Seite sehend, verbrachten wir eine scheinbar sehr lange Zeit. Worüber kann man denn wirklich in einer solchen Position reden?

Troy hatte sein strahlendes Lachen behalten, aber es hatte sich doch eine gewisse Traurigkeit in seinen Ausdruck geschlichen, als er mir immer wieder seine Unschuld beteuerte. Die Aussagen seines Stiefsohnes und der anderen Zeugen bezeichnete er als falsch, nur gegeben, um ihnen selbst Vorteile zu verschaffen. Schließlich war sein Stiefsohn selber in allerhand Drogenvergehen verwickelt und die anderen hatten ihre eigenen kriminellen Dinge zu verantworten. Troy sagte, dass er mir Dokumente zukommen lassen würde, um seinen Standpunkt zu beweisen.

Ich besuchte Troy regelmäßig für einige Monate. Soweit ich erfuhr, war ich der Einzige, der zu ihm kam, um mit ihm zu reden.

Dann wurde er ins zentrale Hochsicherheitszuchthaus des Staates verlegt. Wieder brauchte es einige Zeit, um dort auf seine Besucherliste zu gelangen. Wieder war es eine lange Autofahrt dorthin, ein noch größerer Parkplatz, ein sehr viel größeres Gebäude, hohe Mauern statt Zäune, eine gründlichere Einschreib- und Eingangskontrolle, die von zahlreichen, sich sehr streng verhaltenden Wachen durchgeführt wurde. Wieder waren es vor allem schwarze Besucher, weniger Latinos und kaum Weiße. Wieder die störende Frage in mir, warum das wohl so war.

Dann folgte ein erster Schritt des Eintritts, zunächst aber nur in einen sehr kleinen und engen Hof hinein, der von zehn Meter hohen, dunkelgrauen Betonmauern und einem Wachturm überragt war. Nach längerem Warten in dieser kahlen Hofzelle ging es weiter durch ein hohes Stahltor und einige Zäune, einen Weg über eine Freifläche entlang zu einem großen Gebäude.

Überraschung: Im Gebäude gelangten wir in eine große, turnhallenartige, hell erleuchtete Halle mit vielen Stühlen und einigen Tischen – sogar mit einem Kinderbereich mit einigen Plastik-Spielsachen. Nach einiger Zeit kamen die Gefangenen herein. Wir waren ungefähr hundert Besucher, aber nur ungefähr siebzig Gefangene. Die meisten, aber nicht alle waren wegen wiederholter Drogendelikte verurteilt worden, sagte man mir; sie hätten es verdient, eingeschlossen zu werden, um die Gesellschaft zu schützen. Warum waren aber nicht mehr Besucher zu den rund 3000 Gefangenen in diesem Zuchthaus gekommen? 

Ich bemerkte einen schon etwas älteren Vater, der seinen roh und nicht sehr empfänglich erscheinenden Sohn jedes Mal besuchte, wenn ich ebenfalls da war. Eine Frau erzählte mir, dass sie jeden Samstag komme, nun schon seit vielen Jahren, um eines ihrer Familienmitglieder zu besuchen. Aber was war mit all den anderen Gefangenen, die keine derartigen Besuche erhielten? Und hat überhaupt jemand einmal nicht nur an die Opfer, sondern auch an das Leid dieser Besucher und Angehörigen gedacht?

Paare und Familiengruppen hatten sich schnell zusammengefunden und saßen getrennt von den anderen. Wir hatten mehrere Stunden Zeit, uns zu unterhalten – fast zu lange, schien es mir.

An einer Wand befand sich eine Kunstausstellung von Gemälden, die die Gefangenen gemalt hatten. Die waren erstaunlich gut! Natürlich waren da Porträts von Martin Luther King und Bilder hübscher junger Mädchen – aber auch viele Gemälde von wunderbaren Blumen und traumhaften Landschaften, von fernen Ländern, einige Afrika darstellend.

An der gegenüberliegenden Wand der Halle war eine Einfassung, wo man Sandwichs und Getränke aus Verkaufsautomaten erhalten konnte. Ich ging zu einem Wasserspender hinüber. Ein Gefangener mittleren Alters, ein Puerto Ricaner, wie ich später erfuhr, holte sofort von irgendwoher einen Becher und bot ihn mir mit einem Lächeln an. Nach meinem zweiten Besuch im Zuchthaus fingen wir an, uns zu unterhalten. Er war einmal als Zwanzigjähriger in eine Schlägerei in einer Bar verwickelt gewesen. Im Zorn der Auseinandersetzung hatte er dabei seinen Gegner getötet. Da er einmal von sich gegeben hatte: „Eines Tages werde ich den Kerl noch umbringen“, galt der Fall als vorsätzlicher Mord. Er wurde zu 30 Jahren Zuchthaus verurteilt. Zwanzig lange Jahre waren nun schon vergangen. Er war nun 40 Jahre alt. In zehn Jahren, wenn er 50 Jahre alt sein würde, so hoffte er, würde er seine Freiheit wiedererlangen.

Er war sehr ruhig und freundlich in seiner Ausdrucksweise, beinahe friedvoll. Sein Hobby war es, Gedichte zu schreiben. Er wollte auch einmal ein Buch über menschliche Emotionen verfassen. Da man als Besucher immer nur einen einzigen Gefangenen besuchen und als solcher per Liste erfasst sein durfte, war es mir nicht möglich, ihn offiziell zu besuchen. Da ich aber Troys Besucher war, fühlte ich mich verpflichtet, die begrenzte Zeit dieser Besuche mit Troy zu verbringen. Daher begann zwischen dem Puerto Ricaner und mir ein Briefwechsel.

Ich versuchte, meinem neuen Bekannten – einem Freund? – Ermutigung zu geben und den Rat, seine Zeit im Zuchthaus zu nutzen, um sich auf die spätere Entlassung vorzubereiten, auf die reale Welt, und auch, um sein Buch über Emotionen zu schreiben. Ich sandte ihm die Sammlung meiner eigenen Kurzgeschichten. Er antwortete mit Gedichten und einem Bericht der unglaublich verwirrten Lage der Familie, in die er hineingeboren und in der er aufgewachsen war: Jeder driftete dort laufend durch Kriminalität und Gewalttaten als eine Art zu leben. Sollte man da nicht sehr dankbar sein, wenn man in eine dezente Familie hineingeboren wurde? Er sehnte sich nur nach Friede und etwas Licht – und menschlicher Harmonie.

Ich riet ihm, zu versuchen, sich von dieser Familienumwelt zu lösen: Sie würde ihn sonst immer nur dahin zurückführen, woher er kam, und würde ein mögliches freies Leben in der Zukunft endgültig zu einem aussichtslosen Ende bringen. Aber wie könnte er denn überhaupt einem solchen Rat folgen, da er doch keine andere Welt kannte und keine Anker in einer anderen Umgebung hatte? Wenn er nicht stark wäre und Hilfe fände, so sagte ich ihm voraus, würden ihn Einsamkeit und praktische Notwendigkeiten zu seinen eigenen Leuten zurücktreiben – und damit wieder in noch mehr Probleme hinein.

 

Schließlich erhielt ich all die angekündigten Dokumente von Troy, die sich auf den Prozess vor vielen Jahren anlässlich der Ermordung seiner Frau bezogen. Die Dokumente sahen für ihn nicht gut aus; überzeugend erläuterten sie im Einzelnen die Anklagen gegen ihn. Wie konnte es sein, dass Troys Aussagen völlig anders waren? Welcher Seite konnte man glauben? Waren die Dokumente jene falschen Aussagen, von denen Troy geredet hatte, oder war Troys Sicht der Realität getrübt und verwirrt? „Sie verstehen schon, was ich meine“, hatte es damals von den Nachbarn über Troy geheißen.

Wir verbrachten jeden einzelnen meiner vielen Besuche während mehr als eines Jahres mit den Versicherungen seiner Unschuld und seinem Versuch, das Urteil gegen ihn in einem Berufungsverfahren für ungültig erklären zu lassen.

Troy wurde im Zuchthaus gut behandelt. Als ältester Gefangener war es ihm erlaubt, jeden Tag die Bibliothek des Gefängnisses für seine juristischen Nachforschungen zu nutzen. Es wurde ihm sogar erlaubt, ein kleines Blumenbeet in einem der Höfe anzulegen.

Ich fragte ihn, ob es nicht viel besser für ihn in seinem Alter wäre, wenn er im Zuchthaus bliebe: Hier wäre er so gut versorgt und müsse nicht ganz alleine und auf Wohlfahrt gestützt in einem so rauen Teil der Stadt leben.

„Nein!“, sagte er. Er wolle, dass die Wahrheit ans Tageslicht komme – aus Prinzip und wegen der Gerechtigkeit –, und er wolle mit erhobenem Haupt in die Welt hinausschreiten!

 

Wie konnte ich Troy nicht glauben, der da vor mir saß und so mit mir redete?

 

Während die Zeit fortschritt, konnte man mit Troy über nichts anderes mehr reden als über seine geplanten juristischen Manöver – wodurch die Besuche mit ihm an menschlichem Wert verloren. Troy war verständlicherweise von seinem eigenen Fall besessen und voller Zutrauen, dass er in Kürze entlassen würde. Ich sprach mit Freunden über seinen Fall. Die meisten befürchteten, dass Troy tatsächlich wieder auf freien Fuß gesetzt werden könnte – und möglicherweise sogar der Puerto Ricaner. Sie erzählten mir, der typische Vorgang in solchen Situationen sei dies: Troy und der Puerto Ricaner würden an unserer Haustür erscheinen – zunächst nur, um Hilfe zu erbitten, wenn sie nirgendwo anders Hilfe fänden – schließlich aber in der Erwartung, dass wir sie aufnähmen. Im schlimmsten Fall würden sie sogar ihre Kumpanen mitbringen oder ihnen zumindest von unserem Haus erzählen und sie damit auch dahin ziehen.

Eines Nachts, ziemlich spät, erhielt ich einen Telefonanruf. Eine eigenartige, dunkle Stimme redete mich mit meinem vollen Namen an und bat um Hilfe, sich auf meinen neuen Freund beziehend, den Puerto Ricaner im Zuchthaus. Hatte der nicht angedeutet, dass sein Bruder auch in einem Zuchthaus einsaß und andere Geschwister ebenfalls laufend in Schwierigkeiten mit dem Gesetz wären? Gingen sie jetzt auf mich los?

Als unsere Söhne davon hörten, bestanden sie darauf, dass ich alle Verbindungen zum Zuchthaus sofort aufgeben müsse, um meine Frau, ihre Mutter, zu schützen. Unser Freund, jener Anwalt, unterstützte ihren Standpunkt und deutete an, dass Troy wohl wirklich in absehbarer Zukunft freigelassen würde.

 

Ich hoffe inständig, dass Troy als unschuldig befunden wird. Tief im Inneren hoffe ich, dass ich eines Tages wieder an Troys Haus vorbeifahren kann, um dort anzuhalten und sein strahlendes Gesicht und großes Lachen wiederzusehen, um seine schönen Blumen zu bewundern und ein freundliches Gespräch mit ihm zu führen. Ich wünsche mir, dass ich meinen puerto-ricanischen Freund auch freigesetzt sehen könnte – hoffentlich völlig von seiner alten Umwelt losgelöst, wie ich es so sehr empfohlen hatte; dass er seinen Beruf als Techniker ausübt, für den er ausgebildet war; möglicherweise mit einer Frau an seiner Seite; und dass er nebenher Gedichte schreibt. Wie gerne würde ich mit beiden an den Strand ans offene Meer fahren oder in die Berge und gemeinsam mit ihnen die frische, freie, weite Luft atmen. Wie gerne würde ich sie beide ein erfülltes Leben aufbauen sehen – bevor es zu spät wäre. Das Leben ist doch so einzigartig – und so kurz.

Wenn nur ihr Verhalten, das Temperament von beiden, von Troy und dem Puerto Ricaner, sie von Problemen und Finsternis dauerhaft fernhalten kann – dass weder sie selbst noch unschuldige Opfer weiterhin Schaden leiden! Wie viel Schaden geschieht doch durch unbeherrschten Zorn und unaufhaltbare Wutausbrüche in dieser Welt! Ob es wohl jemals eine zuverlässige medizinische oder psychologische Therapie und Heilung für ein schlimmes Temperament, Zorn und Wut geben wird?

Hätte es geholfen, wenn Troy und der Puerto Ricaner früh in ihrem Leben bessere Freunde gehabt hätten? Was können wir tun? Sollten wir zuerst selbst lernen, uns zu beherrschen, bevor wir anderen Lektionen erteilen – und bevor wir ihr Vorbild werden, im Guten oder auch im Schlechten? Sollten wir unseren Mitwanderern durchs Leben – den nahen und den entfernteren – bessere Freunde sein, bevor sie oder gar wir selbst in Schwierigkeiten geraten?

 

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Troys Berufung wurde endgültig abgelehnt.

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