Der bunte Ball
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Eine Geschichte für unsere damals noch kleinen Enkelkinder Christina und Scott
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040708
Wo kommen wohl Geschichten her? Einige sind ja „nur“ Träume. Aber andere sind wirklich so passiert – auch in eurer Umgebung, zu allen Zeiten. Ihr müsst nur offene Augen und das richtige Empfinden in euren Herzen haben, um die Geschichten zu entdecken und zu verstehen. Eines Tages seht ihr vielleicht einen Ball vom Wind getrieben die Straße entlangrollen. Es mag tatsächlich nur ein Ball sein, der da rollt. Aber wenn ihr es richtig seht und den Ball versteht, dann spürt ihr, dass da eine echte Geschichte passiert.
Genau das begegnete mir vor wenigen Tagen.
Nun will ich euch erzählen, wie das war.
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Wir wohnen an der Westcott Road in Princeton, in Amerika. An unserer Straße stehen viele hohe Bäume, und vor all den freundlichen Häusern sind schöne grüne Rasen angelegt.
Eines Abends, also gerade vor ein paar Tagen, ging ich dort spazieren. Es wehte ein ziemlich starker Wind. Als ich mich wieder auf den Heimweg begab, konnte ich schließlich unser Haus schon ganz hinten am Ende der Straße sehen.
Aber was erspähte ich auch noch in einigem Abstand vor mir?
Es war ein kleiner bunter Ball, der die Straße entlanghüpfte, vom Wind getrieben.
Der Ball war einer von diesen aufblasbaren Plastikbällen, mit denen ihr manchmal am Strand spielt – gelb und rot und grün und blau und weiß. Er hüpfte nicht nur geradeaus, sondern auch von einer Seite zur anderen. Manchmal blieb er einen Augenblick lang liegen, als ob er sich verlaufen hätte und nicht wüsste, wohin er gehen sollte.
Ich beeilte mich und hatte den Ball bald eingeholt. Als ich näher kam, musste sich der Wind gerade gedreht haben. Der Ball machte kehrt, als hätte er mich kommen gehört, und hüpfte langsam auf mich zu. Ganz nahe bei meinen Füßen blieb er liegen und es schien mir, als schaute er mich an. Wollte der kleine Ball mich etwas fragen? Hatte er sich verlaufen und wollte sich nun erkundigen, wo sein Zuhause sei, wohin er hüpfen müsse?
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also ging ich einfach weiter – und der kleine Ball sah ganz traurig aus. Dann versuchte er auch noch, mir zu folgen, langsam, als wäre er ganz müde. Aber ich ging schneller, als er hüpfen konnte.
Wie ich weiterging, dachte ich, dass der kleine Ball bestimmt irgendwelchen Kindern gehörte. Da fiel mir ein, dass eine Familie mit Kindern gerade in unsere Straße gezogen war, vor ein paar Tagen erst. Sie waren in das Haus gezogen, an dem ich vor einer Minute vorbeigegangen war. So drehte ich um und ging zu dem kleinen Ball zurück.
Ich hob ihn auf und sagte: „Kleiner Ball, ich trage dich jetzt zurück. Aber dann musst du still sitzen und warten, bis die Kinder kommen und dich suchen!“
Genau das tat ich dann. Ich trug den Ball ein Stück zurück bis zu einem schönen Busch, der auf dem Rasen vor einem der Häuser stand. Der Busch könnte den Ball vor dem Wind schützen, sodass der Ball wirklich dort bleiben und nicht wieder wegrollen würde.
„Auf Wiedersehen, kleiner Ball“, sagte ich. „Warte hier. Hoffentlich kommen die Kinder und finden dich, bevor es dunkel wird.“
Dann setzte ich meinen Weg fort. Ich ging in unser Haus hinein und aß mein Abendbrot.
Später, als es schon Nacht geworden war, schaute ich noch einmal zur Tür hinaus, um zu sehen, wie das Wetter sei.
Was sah ich da? Ich konnte es gar nicht glauben: Der kleine bunte Ball war da!
Er musste wohl über die Straße geweht worden sein, um mir zu folgen, und nun saß er da – direkt vor unserer Tür –, als wartete er darauf, hereingelassen zu werden. Was konnte ich tun? Ich hob ihn auf und trug ihn herein.
Am nächsten Morgen, nachdem wir gemütlich gefrühstückt hatten, sagte ich zu dem Ball: „Nun musst du aber wirklich heimgehen!“ Also trug ich ihn zum anderen Ende der Straße, zu dem Haus, wo ich hoffte, dass die neu zugezogenen Kinder nun wohnen würden.
Ich war ganz schlau. Bevor ich ihn absetzte, ließ ich etwas Luft aus dem Ball. Nun war er nicht mehr so rund. Er konnte also nicht mehr so gut rollen und der Wind konnte ihn nicht mehr so leicht wegblasen. Der arme kleine, halb leere Ball sah nun schrunzelig und alt aus – so wie ich manchmal aussehe, wenn ich mich morgens im Spiegel ansehe, schließlich bin ich 73 Jahre alt.
So verließ ich den Ball, der etwas schwer dort auf dem Rasen sitzen blieb – da war kein leichtes Hüpfen mehr in ihm.
Ich ging nach Hause und war ziemlich traurig, dass ich den freundlichen bunten Ball nicht mehr bei mir hatte. Würden die Kinder ihn wohl finden, wo ich ihn abgesetzt hatte?
Den ganzen Tag lang schaute ich andauernd wieder vor die Tür, hoffend, dass der Ball noch einmal kommen würde. Wenn er mich doch nur noch einmal besucht hätte, dann wäre ich froh gewesen und hätte ihn hereingeholt. Ich hätte ihn sofort prall aufgeblasen, sodass er wieder jung ausgesehen hätte. Dann hätte ich ihn die Treppe zum großen Spielzimmer unterm Dach hinaufgetragen, wo auch all die anderen Spielsachen sind. Wenn ihr dann einmal zu uns zu Besuch kommen würdet, könntet ihr dort mit dem kleinen bunten Ball spielen.
Am nächsten Tag ging ich die Straße zurück, um mal zu sehen, wie es dem Ball wohl ergangen war. Doch er saß nicht mehr auf dem Rasen, wo ich ihn abgesetzt hatte.
Aber später am Tag entdeckte ich, wie einige sehr fröhliche Kinder unsere Straße entlangrannten!
Jeden Morgen nun, wenn ich in den Spiegel schaue, denke ich noch an den kleinen Ball, wie ich ihn auf dem Rasen sitzen ließ. Aber dann denke ich auch an euch. Ihr hättet den Ball bestimmt gleich wieder aufgeblasen, sodass er jung und rund wäre und glücklich immer weiter hätte hüpfen können.
Geht doch einmal selber spazieren. Schaut herum, ob ihr etwas entdecken könnt. Möglicherweise seht ihr einen Ball die Straße entlang rollen. Aber vielleicht begegnet euch auch ein anderes Kind. Wenn ihr wirklich sehen könnt, was da ist – und wenn ihr im Herzen versteht, was das andere Kind empfindet –, dann habt auch ihr vielleicht eine neue Geschichte erlebt.
Bitte ruft mich gleich an und erzählt mir eure Geschichte!