Jesus von Nazareth
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Eine Vision – vielleicht auch einige Erklärungen
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040708
Früh am Ostersonntag des Jahres 2004 erschien mir im Laufe meiner Gedanken ganz unerwartet eine recht ungewöhnliche, traumartige Vision: Ich sah mich in der Nähe eines alten Dorfes im ländlichen Galiläa stehen, als die Sonne gerade aufgegangen war. Da sah ich, wie Jesus mit einigen seiner Jünger und Begleiter in einer aufgelockerten Gruppe auf sandiger Straße zwischen Feldern an mir vorbei auf das Dorf zuging. Ich war eigenartig bewegt von der Ausstrahlung und großen Reinheit des Ausdrucks Jesu – aber auch von der fast schwachen Zerbrechlichkeit seiner aufrechten Gestalt.
Als dann diese Vision während der folgenden Tage wiederkehrte, nahm ich in meiner Vorstellung an einigen der kritischen Phasen auf der Wanderung Jesu während seines kurzen Lebens teil. Ich empfand einiges der großen Freude, der Bedenken und der bedrückenden Furcht, die die Gruppe seiner Gefolgsleute im Laufe ihres Weges erfüllte.
Nun möchte ich beschreiben, was ich sah und empfand, als ich Jesus und seine Jünger bei der Verfolgung ihrer Mission beobachtete, und was ich wahrnahm, als sich die Intrige der Gegner Jesu allmählich um seine Existenz auf Erden schloss.
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1. Bild: Eine Ansprache auf einer Anhöhe
Es war nach Jesu Taufe durch Johannes und nur kurz nach seiner Rückkehr von jenem Aufenthalt in der Wüste, der ihm geistige Klarheit bezüglich seiner Mission gebracht hatte. Trotz seiner gerade vergangenen Zeit der Askese in der Wüste, die ihn körperlich sehr hager hatte werden lassen, erschien Jesus im Wesen stark und dynamisch, so wie er da mit seinen Begleitern herankam. Aber was mich am meisten beeindruckte, war die Reinheit des Ausdrucks Jesu. Nur ein einziges Mal, irgendwo in einer kleinen russischen Kirche, hatte ich derartige Reinheit und Klarheit und Güte im Gesichtsausdruck eines erwachsenen Menschen gesehen.
Jesus hatte bereits seine Jünger erwählt und diese waren fast magnetisch – auf geistige Art – von ihm angezogen. Aber da sie einfache Menschen waren, verstanden sie wenig von dem, was Jesus im Sinn lag. Sie waren ja schließlich aus den Siedlungen der Fischer, Landleute und Kleinstädter Galiläas auserwählt worden, die offen waren für einfache Hingabe, für Gutmütigkeit und Mitleid. Sie gehörten nicht zu den Intellektuellen, deren Gedanken oft zu komplex verlaufen und die oft schon irgendwie festgelegt sind, dann mit Geschick nur ihre eigenen Meinungen verteidigen. Die Gruppe war einfach gekleidet, nach Art des Mittleren Ostens jener Jahre, und bewegte sich mit natürlicher Leichtigkeit durch die ländliche Gegend in der Frühlingsfrische jenes Jahres.
Diese Gruppe junger Männer – bald verstärkt durch andere Begleiter, auch Frauen – entwickelte einen lebendigen Gruppengeist, etwa wie ein Team von Reisenden, die sich auf den Weg gemacht haben, um entfernte Gebirge zu durchwandern. Jesu Führung war klar – nicht durch Worte, sondern durch seine Persönlichkeit, seinen Geist. Jeder Tag wurde zu einem positiven Erlebnis, voll neuer Eindrücke und Anregungen, voller Erwartungen. Das Kommen dieser Gruppe brachte den Menschen überall Licht und Freude – und Hoffnung für die Leidenden.
Während dieser frühen Zeit wanderte die Gruppe fast jeden Tag, von einem Dorf zum anderen weiterziehend. Wenn sich die neugierigen Dorfbewohner auf den staubigen Plätzen zwischen den niedrigen Häusern in der Mitte der Dörfer um ihre Gruppe geschart hatten, begann Jesus zu sprechen. Danach heilte er gelegentlich einige leidende Dorfbewohner. Aus diesen beiden Gründen – Sprechen und Heilen – wuchs die Anzahl der Begleiter der Gruppe wesentlich an. Bald ging es nicht mehr, dass man im Mittelpunkt der kleinen Dörfer anhielt. So verweilten Jesus und seine Begleiter nun außen davor, besonders dort, wo Jesus für seine Ansprachen an die vielen Menschen auf einer kleinen Erhebung stehen konnte.
Eines Nachmittags, noch einige Zeit bevor die Gruppe ein weiteres Dorf erreicht hatte, ging ein Priester niedrigen Ranges neben Jesus daher – wir würden heutzutage sagen: ein Rabbiner jener Gegend – und forderte ihn auf, seine Lehre doch etwas klarer darzustellen. Da die Menge der Begleiter an jenem Tag besonders groß und eine geeignete Erhebung dort zu sehen war, stellte sich Jesus auf diese Anhöhe und bat um Stille. Viele Menschen ließen sich einfach in einem großen Halbkreis vor ihm nieder. Einige schoben sich aber vor – mit den Kranken, die sie Jesus zur Heilung vorstellen wollten. Die Jünger standen an der Seite der kleinen Erhebung und mitten zwischen ihnen auch jener Priester.
Jesus begann zu sprechen – mit einem Feuer und mit einer Klarheit wie nie zuvor. Laut und klar war jedes Wort, jeder Satz. In wenigen, einfachen Parabeln erklärte Jesus, dass es nicht genug sei, nur formell den Buchstaben der altjüdischen Gesetze zu folgen. Erfüllung des Geistes der Gesetze sei verlangt, mit ganzer Hingabe des Herzens, damit die moralische Forderung der Gesetze erfüllt werde. Nichts würde es zählen, in dieser Welt zu Rang und Reichtum zu gelangen. Nur die Menschen zählten etwas vor Gott, die ein reines Herz hätten, die Friedensstifter wären und selber voll Güte seien. Die Sanftmütigen würden belohnt werden, die Menschen des einfachen Denkens, die Leidenden und die in dieser Welt ungerecht Behandelten. Gott über alles zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst – das sollten die höchsten Gebote für alle Menschen sein.
Dann betete Jesus zusammen mit allen Zuhörern, Gott um Hilfe in den Mühen des menschlichen Alltags bittend. Er betete auch um Vergebung und erklärte Gott als den Vater im Himmel. Die Predigt und das Gebet zeigten moralische Klarheit in einfachen Begriffen, Trost für die Leidenden in den Mühen ihres oft schweren Lebens und ein neues Bild Gottes als eines liebenden Vaters. Das war die „frohe Botschaft“, das „Euaγγέlion“, das Jesus den einfachen Menschen von Galiläa brachte, die ihm zuhörten und ihm zu folgen bereit waren.
Die Menschen waren zutiefst erfasst von dem, was sie hörten. Heute noch kann Jesu Stimme von jener Predigt auf der unbedeutenden Anhöhe gehört werden. Noch heute hallt sie in unseren Seelen nach. – Jener Priester aber ging in Verwunderung davon.
2. Bild: Das Erscheinen der Obrigkeit
Zufällig musste jener Priester in den folgenden Wochen nach Jerusalem reisen. Bei einem Treffen mit dem Oberpriester des großen Tempels in Jerusalem beschrieb er den starken Eindruck, den die Predigt Jesu auf der Anhöhe bei ihm hinterlassen hatte. Er sprach auch von der immer größer werdenden Gruppe von Menschen, die Jesus nachfolgten. Der Oberpriester fragte nur: „Entsprach seine Lehre dem Gesetz?“ Das war nun ein Problem. Jesu Lehre schien nicht die strikte Einhaltung jeder Einzelheit des Mosaischen Gesetzes zu betonen. Gelegentlich schien da sogar eine gewisse Kritik daran durchzuklingen, wie die priesterliche Hierarchie mit uneingeschränkter Autorität das Gesetz nach ihrer eigenen Art formell interpretierte und auf ihre eigene, äußerliche Ehrung bedacht war.
Nach einer weiteren Unterhaltung beschloss der Oberpriester, einen anderen Priester mittleren Ranges in das entfernte Galiläa zu entsenden, um zu beobachten und zu berichten. Der ausgewählte Priester von Jerusalem fühlte sich durch die Übertragung dieser Aufgabe geehrt und nahm gleich einige seiner Schüler mit auf die Fahrt.
Zuverlässige Beauftragte einer hierarchischen Autorität können gefährlich sein. Sie sind oft weniger flexibel und mehr darum bemüht, irgendein Fehlverhalten zu finden, als es die Personen echter Autorität wären, die sie ursprünglich ausgesandt haben. Diese Beauftragten zweiten Ranges müssen der Welt ihre Wichtigkeit unter Beweis stellen, indem sie alle Anweisungen, Vorschriften und Gesetze genau befolgt sehen wollen. Solche “organisation men“, wie man sie heutzutage manchmal nennt, verhalten sich dann nur so, wie es der von ihnen verstandenen Erwartung ihrer Organisation entspricht – und nicht, wie es vielleicht einem persönlich-menschlichen Urteil entsprechen könnte –, am allerwenigsten mit Verständnis, Kompromissbereitschaft oder Mitleid. Aber ihre kritischen Berichte, selbst wenn sie nur Trivialitäten aufbauschen, zwingen die hierarchische Autorität dann einzuschreiten.
Der Priester und seine Schüler kamen gerade am Abend vor dem Sabbat bei einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Nazareth an und wollten dort rasten, wie vom Mosaischen Gesetz vorgeschrieben. Aber am folgenden Sabbatmorgen waren sie überrascht, zu sehen, dass sich Jesus und seine Begleiter gerade jener Ortschaft näherten. Da konnten sie beobachten, wie die Menschen jener Gruppe durch die Kornfelder gingen und nach Ähren griffen, um die Körner zu essen – eine am Sabbat verbotene „Arbeit“.
Der Priester sah seine Schüler an, als ob er eine Prüfungsfrage stellte. Diese schüttelten ihre Köpfe als Zeichen der Missbilligung.
Jesus und seine Begleiter kamen nun in die Ortschaft. Nach seiner üblichen Ansprache heilte Jesus einen leidenden Mann – auch das war eine verbotene Tätigkeit am Sabbat.
Der Priester, der Jesus nun zweimal die Sabbatregeln hatte brechen sehen – erst mit dem Ernten von etwas Korn und nun mit der Heilung –, wurde so ärgerlich, dass er Jesus mit lauter Stimme zur Rede stellte. Jesus lehnte den Angriff ruhig mit den Worten ab: „Der Sabbat ist für die Menschen da und nicht die Menschen für den Sabbat.“
Der Priester ging zu dem Bethaus und religiösen Schule des Ortes, heute würde man sagen zur Synagoge, und begab sich dann wieder auf den Weg nach Jerusalem, seine Schüler ihm folgend. Als Jesus bald darauf diese Synagoge erreichte, fand er die Tür verschlossen. Man sagte ihm, dass gerade Renovierungsarbeiten darin vorgenommen würden. Einer der Begleiter Jesu bemerkte, dass Jesus auszuschließen sicherlich etwas mit dem vorangehenden priesterlichen Besuch aus Jerusalem zu tun habe.
3. Bild: Die Schlinge schließt sich und es wird Winter
Bereits drei Wochen später kamen zwei neue Abgesandte der Obrigkeit aus Jerusalem an, um Jesus zu beobachten. Der eine war vom Oberpriester ausgesandt worden und der andere von den Anführern der Pharisäer. Sie waren leicht an ihren Kopfbedeckungen, an der Art ihrer Bekleidung und an ihrem Jerusalemer Akzent zu erkennen.
Von nun an konnte Jesus nur noch selten eine Predigt halten, ohne dass einer jener Beobachter anwesend war. Sobald einer von Jesu Begleitern sie herankommen sah, sagte er es den anderen und Jesus wurde gewarnt, auf der Hut zu sein. Bald wurde das ein Nervenkrieg. Die Beobachter standen dann stumm da, manchmal schrieben sie auch Notizen auf. Aber wenn Jesus gerade am erfolgreichsten mit seinen Zuhörern war, begannen sie, störende Fragen zu stellen.
Anfangs lenkte Jesus diese Fragen seiner Quälgeister ab. Aber in dem Maße, wie die Fragen kritischer wurden, wurde er ungeduldiger mit ihnen. Von da an predigte Jesus auch über die Fehlbarkeit der Priester, Pharisäer und Schriftgelehrten.
Die Begleiter Jesu bemerkten die zunehmende Kontroverse sehr deutlich. Im Lauf der Zeit gab es kaum noch eine Ortschaft, in der es Jesus erlaubt wurde, die Synagoge zu betreten. Manchmal wurde er aufgefordert, ganz außerhalb der Siedlung zu bleiben.
Jesu Begleiter schlossen sich dichter um ihren Meister. Ihre Gesichter waren nun ernst geworden. Einmal fragte Jesus sie, ob sie noch an ihn glaubten. Ihre Antworten waren ein klarer Ausdruck ihrer Hingabe, aber ihre Herzen waren schwer geworden.
Schließlich kam der Winter über sie – mit endlosem, kaltem Regen und sogar Schnee auf den Bergeshöhen. Die nun große Gruppe um Jesus – zwölf Apostel, einige Frauen und mehrere andere Begleiter – hatte manchmal Schwierigkeiten, in den Dörfern und kleinen Ortschaften Unterkunft und Verpflegung zu erhalten. Einige Male war es unmöglich. So waren sie dann nass, hatten Hunger und froren. Schließlich teilte Jesus die Gruppe auf. Er wies seine Jünger an, gesondert auszuziehen, nur jeweils zwei zusammen, und die gemeinsame Mission jeweils selbstständig weiterzuführen – zu predigen und zu heilen, wohin auch immer sie kämen. Einige kehrten über den Winter zu ihren Heimatdörfern zurück, zu ihren Familien und Freunden.
4. Bild: Die Vision auf dem Berg
Der Winter ging schließlich seinem Ende zu. Aber noch ehe Jesus alle seine verstreuten Jünger wieder zusammenrufen konnte, kamen bereits die ersten kritischen Beobachter aus Jerusalem. Da stieg Jesus auf einen hohen Berg der Gegend, um sich geistigen Rat zu holen.
Von diesem Zeitpunkt an wusste Jesus, dass er nicht in Galiläa allein weiterwirken konnte, sondern dass er direkt nach Jerusalem gehen musste, um den gegen ihn aufgestellten Kräften entgegenzutreten, von Angesicht zu Angesicht. Die baldigen Passah-Frühlingsfeste in Jerusalem würde die Zeit sein, diesen Beschluss auszuführen.
5. Bild: Frühling und letzte Tage in Jerusalem
Seit dem Erlebnis der Klärung auf jenem Berg gewannen Jesu Predigten neue Kraft, Klarheit und Bestimmtheit. Nicht nach Ruhm in dieser Welt, sondern nach Belohnung im Himmel sollte der Mensch trachten. Gleichzeitig begann Jesus, Jerusalem vor der drohenden Gefahr zu warnen, wenn es auf seinem jetzigen Pfad weiterwandeln würde.
Jesu Jünger waren alle zurückgekehrt, um wieder bei ihm zu sein – selbst derjenige von ihnen, der im Winter offensichtlich eine recht gute Zeit gehabt hatte. Um große Anführer gibt es immer auch schwache und skrupellose Gefolgsleute, und große Anführer scheinen das zu dulden. Aber einige dieser Gefolgsleute sind gefährlicher als andere, und einige sind weniger vertrauenswürdig als andere. Einer im Besonderen, der Judas hieß, hatte Verwandte und Freunde unter den Priestern. Sie hatten ihn öfter eingeladen, um mehr von ihm über die Lehre seines Meisters herauszubekommen. Er hatte versucht, einen Weg des Kompromisses zu zeigen, während er sich gleichzeitig um finanzielle Unterstützung für Jesu Gruppe bemühte, worin er recht gut war.
Als sich die hohen Festtage näherten, war viel Verkehr auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem. Viele Reisende zu den Passahfesten kannten Jesus und freuten sich, dass er mit ihnen reiste: als einer ihres Volkes vom Norden, als ihr großer Prediger und als einer, der wundersame Heilungen vollbrachte. Jesu Ruf eilte ihm voraus, von den bereits in Jerusalem angekommenen Galiläern verstärkt.
Als Jesus Jerusalem erreichte, war die bedeutende Stadt mit ihrem großen Tempel und ihrer urbanen Volksmenge auf ihn vorbereitet. Kleidungsstücke waren auf seinen Weg gelegt, in der Hoffnung, dass auch nur der kurze Kontakt mit Jesus ihren Besitzern Segen und vielleicht auch Heilung bringen würde. Leute, die keine Kleidungsstücke erübrigen konnten, legten Baumzweige oder Palmenwedel auf Jesu Weg. Der Jubel der Massen wuchs aus sich selbst heraus zu einem gloriosen Erlebnis – wie das zuweilen so ein Massenphänomenen ist.
Jesus aber blieb ernst. Er wusste, dass nun die entscheidende Auseinandersetzung nahte und dass das Ende sein sich selbst aufopfernder Tod sein würde. Es gab kein Zurück, keinen Kompromiss. Aber er fürchtete sich nicht vor dem, was da auf ihn zukam. Während dieser letzten Tage war Jesus nicht in sich zurückgezogen. Als er die Händler im großen Tempelbereich vorfand, schritt er zur Tat. Er sprach sich nicht einmal mit den Priestern des Tempels über seinen Unmut ab. Er trieb die Händler einfach aus dem Tempelbereich hinaus – im Zorn, wie ein oberster Richter und Anführer seines Volkes handelnd, wie einer der alten Propheten.
Wie zuvor die Predigt auf jener Anhöhe der Höhepunkt von Jesu geistiger Wirkung auf die Welt war, so waren dieser Tag und das Abendmahl mit seinen Jüngern in Jerusalem der Höhepunkt seines Wirkens in der Welt. Dieser war der Tag seiner größten Stärke sowie Klarheit der Ausrichtung und schließlich auch der Abschluss seiner Mission. Der Tag neigte sich seinem Ende zu. Jesus wusste, was folgen würde. Die Priester mussten nun handeln, denn sonst würde ihre Welt und die Grundlage ihrer Position in der Welt zusammenbrechen.
Judas mag schon seit den Wintermonaten ein Doppelagent gewesen sein, der seine Kontakte mit seinen Freunden unter den Priestern fortsetzte, während er weiter ein Begleiter Jesu blieb. Er mag der Erste unter Jesu Begleitern gewesen sein, der an jenem Tag in Jerusalem wusste, dass Jesu Schicksal besiegelt war. Er mag sogar Jesus gerade noch vor jenem Passah-Abendmahl persönlich davor gewarnt haben. Das mag Jesus die Augen geöffnet haben, dass Judas nicht zu trauen war, wie andere Jünger vielleicht schon seit einiger Zeit immer wieder angedeutet hatten.
Beim Abendmahl sprach Jesus dann klar über seinen bevorstehenden Opfertod. Er symbolisierte dieses Opfer durch Wein und Brot, an seine Jünger appellierend, sich bei diesen für alle ja alltäglichen Stärkungen immer wieder an ihre Mission zu erinnern. Dann wandte er sich an Judas und entließ ihn, indem er ihn einen Verräter nannte. Während Judas in Wut hinauseilte – bereit zu voller Zusammenarbeit mit den Priestern –, ging Jesus fort zur letzten Nacht mit seinen engsten Begleitern und zu seinem letzten Gebet an seinen Gott und Herrn. Vor ihm lagen die Härte des Endes seiner Mission, die so strahlend angefangen hatte, und der sich nahende qualvolle Tod in geistiger Einsamkeit.
In Anbetracht der jubilierenden Mengen um Jesus herum und in Anbetracht der autoritären Handlung Jesu bei der Reinigung des Tempelbezirkes, des Sitzes und der Stütze der priesterlichen Macht, musste der gemeinsame Rat der priesterlichen Obrigkeit und der Anführer der Pharisäer zu irgendeinem Schluss kommen. Der Rat war gespalten, wie das meistens so ist. Ein Ratsmitglied gab zu bedenken: Wenn Jesus von Gott sei, könne nichts gegen ihn getan werden; aber wenn er nicht von Gott sei, werde die Zeit schon mit ihm fertig werden, wie sie bereits mit anderen falschen Propheten gar nicht so lange vor ihm schon fertig geworden war.
Der Rat der Priester stand unter der Kontrolle eines Erzkonservativen. Warum werden diese so oft für die Welt und letztlich auch für sich selbst so gefährlich? Die Abstimmung ergab, Jesus sofort zu töten, also “facts on the ground” zu schaffen, wie man modern dazu sagt, noch bevor das Passahfest beginnen würde und die Menge der galiläischen Begleiter Jesu eine Chance hätten, sich neu zu gruppieren.
Mit dem Eintreffen von Judas und der Polizei im Garten von Gethsemane begann das Establishment die Vernichtung eines vermeintlichen Umstürzlers – durch hartes Verhör, bestellte falsche Zeugen, Folter, Verurteilung und Hinrichtung.
Niemand trat zu Jesu Unterstützung auf, keiner aus der Menge, die ihn erst am Vortag jubelnd willkommen geheißen hatte!
Was muss Jesus gedacht haben, als nicht einmal ein Einziger von denen das Wort ergriff, zu deren Hilfe er gekommen war und für deren Wohl er die Botschaft der Güte und des Friedens gebracht hatte – seine Vision, die Schwachen und Friedensstifter zu achten, und seine Forderung, denen zu helfen, die an Ungerechtigkeit litten?
Jesu eigene Jünger waren geflüchtet – einer hatte ihn sogar verleugnet.
Für wen würde Jesus sich nun eigentlich opfern?
Nachwort: Die Verfolgung der frühen Christen und Paulus
Die Galiläer zogen wieder nach Norden zurück. Jesu unmittelbare Nachfolger blieben in Jerusalem zurück, in der Nähe des Grabes ihres hingerichteten Meisters, in den „Untergrund“ gehend, um Verfolgung auszuweichen. Die Massen in Jerusalem, wenige Tage vorher noch Jesus bejubelnd, hatten sich abgekehrt oder handelten in Unterwerfung und Passivität, wie es alle Massen tun. Die Lehre des „Christus“ war erledigt – es schien jedenfalls so.
Dann erschien Jesus seinen Jüngern, es folgten das Himmelfahrtsphänomen und, am dramatischsten, das Pfingsterlebnis. Diese überwältigenden spirituellen Erfahrungen verliehen Jesu Nachfolgern neue Stärke. Gruppen von entschiedenen „Christen“ begannen sich zu bilden.
Es dauerte nicht lange, bis die Obrigkeit von der Wiedererstehung und dem Auftreten der Jesus-Nachfolger – den Christen – hörten. Einer von Jesu priesterlichen Richtern hatte doch vorhergesagt, dass „wenn (Jesus) nicht von Gott sei, die Zeit mit ihm fertig werden würde“. Doch nun war die Zeit mit Jesu Lehre – und den Christen – nicht fertig geworden. War Gott schließlich doch mit ihnen? Die Anzahl der Christen wuchs. Man musste handeln. Einige Christen wurden toleriert, wenn sie sich nicht von der konventionellen Gesetzesordnung und Anerkennung der Hoheit der Priester abwandten. Es gab aber divergierende Neuerer unter den Christen, deren Verfolgung nun einsetzte. Die Gruppen verstreuten sich, fanden dann neue Anhänger in entfernten Orten.
Der forsche und ehrgeizige Saulus machte sich einen Namen, indem er als Vernichter jener Neuerer unter den Anhängern Jesu auftrat. Nachdem er Jerusalem bereinigt hatte, reiste er nach Damaskus, das damals noch viele Tagesfahrten entfernt war. Dann geschah das Unerklärbare: Saulus wurde Paulus, der nun vom Glauben am meisten Erfasste unter den Christen. Paulus war es, der Jesu Lehre eine neue Ausrichtung ab. Von nun an wurde die christliche Lehre als eine in sich geschlossene Theologie und Philosophie dargestellt, darin von der Strukturiertheit griechischen Denkens beeinflusst.
Sünde war der Grund alles Übels auf der Welt. Erlösung durch „Glaube“ an Christus war die Antwort. Das Ziel alles Lebens war, in den Himmel zu kommen. Diese Ordnung der Weltsicht gewann an Bedeutung, manchmal auf Kosten der grundsätzlich ethischen Lehre der Bergpredigt. Die Nachfolge Christi, bisher den Juden vorbehalten, stand nun den Menschen aller Nationen offen. Eine kleine Gruppe in Jerusalem versuchte, Paulus zurückzuhalten – es half nichts mehr. Das dramatische Anwachsen der Christenheit begann, sich vom Judaismus entfernend, der einst das Hauptanliegen Jesu war.
Dann wurde die Hierarchie der Priester in Jerusalem mit der Zerstörung dieser großartigen Stadt durch die Römer davongefegt. Nur wenige Pharisäer entkamen und wurden die Rabbiner in der jüdischen Diaspora.
Die ursprünglichen Gruppen der Christen wurden durch das ganze römische Reich verstreut. Die Jerusalemgruppe blieb beisammen und wanderte in das Gebiet des zukünftigen arabischen Reiches aus. Mohammed lernte sie später dort kennen. So beeinflusste der Glaube dieser Gruppe den Ursprung der Lehre des Islam. Die römischen Christen wurden im Westen dominierend; sie beeinflussten Europas Triumph in der Welt und nahmen daran teil – aber nur gar zu oft versagten sie darin, die Lehre ihres Meisters für die Reinheit der Herzen, des Friedenstiftens und Gütigseins zu leben. Nur zu oft übersahen sie die Schwachen im Leben, diejenigen mit dem einfachen Denken, die Trauernden und die an Ungerechtigkeit Leidenden.
Die Welt war auf dem Weg in die Moderne – Christus mit einem einzigen Symbol erinnernd: nicht mit einem, das sich auf seine lichterfüllte Mission und das Wesentliche seiner ethischen Lehre der ersten Tage bezog, nicht bezogen auf seine kräftigsten späten Tage, sondern auf seinen dunkelsten Augenblick – am Kreuz.
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Was wäre, wenn Rom nicht christlich geworden wäre? Welchen Weg wäre die westliche Welt durch ihre Geschichte gegangen? Wie wäre der Stand unserer Zivilisation in Fragen der Ethik und des sozialen Denkens? Gäbe es Wohlfahrt, ein Rotes Kreuz, die vielen karitativen Aktionen in der Welt und internationale Hilfe für schwache Länder? Sollten wir froh sein, in unserer Zivilisation zu leben, so wie sie jetzt ist? Gedenken wir Jesu mit Anerkennung für seine Mission und ihre Auswirkungen?
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