Nur kurz währte das Licht
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Eine transzendentale Vision drei Wochen nach dem 11. September 2001
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040708
Gerade nachdem die Welt mit dem Angriff auf das World Trade Center in New York in eine furchtbar dunkle Phase der Gewalt eingetaucht war, trafen sich zufällig Moses, Mohammed und Jesus auf einer Wolke im Paradies. Sie setzten sich nieder mit finsteren Gesichtern und begannen, sich zu unterhalten.
„Wie können die Mohammedaner solch schreckliche Untaten vollbringen?“, sagte Mohammed.
„Wie können die Christen die Welt in solch eine Unglücksphase gleiten lassen?“, sagte Jesus.
„Was haben die Juden mit ihrer besonderen Erkenntnis Gottes aus dem ihnen anvertrauten Heiligen Land werden lassen?“, sagte Moses.
Der Gedankenaustausch ging weiter.
„Was haben die geistlichen Anführer unserer Religionen getan, um unsere Völker in eine bessere moderne Welt zu führen?“
„Haben wir denn nicht klare Instruktionen an unsere Anhänger hinterlassen?“
„Wie können wir die schlechten Folgen unserer Lehren vor unserem gemeinsamen Gott verantworten?“
Die drei gingen zu Gott und baten gemeinsam darum, zur Erde zurückkehren zu dürfen, um die Lage in Ordnung zu bringen, klare Richtlinien an die Völker zu geben und eindeutige Anweisungen an die geistigen Anführer ihrer jeweiligen Religionen zu hinterlassen. Gott erlaubte ihnen, noch einmal die Erde zu besuchen – aber nur für einen einzigen Tag.
An jenem Tag nun – ich wünschte, es wäre morgen – beschlossen sie, umgehend hinabzusteigen. Sie stimmten darin überein, zum selben Platz zu gehen – nach Jerusalem – und stets gemeinsam zu erscheinen. Sie beschlossen weiterhin, an drei Stellen zu erscheinen: vor der Klagemauer, auf dem Tempelberg neben der großen Moschee und vor der Grabeskirche.
Ihre Erscheinungen waren voller Wunder. Himmlisches Licht und Harmonien des Kosmos erfüllten die Luft. Als Beweis der göttlichen Art ihres Kommens erschienen sie an den drei gewählten Stellen in Jerusalem alle drei genau zum selben Zeitpunkt, aber Moses sprach vor der Klagemauer, Jesus vor der Grabeskirche und Mohammed bei der Moschee auf dem Tempelberg. Jeder Zuhörer in der rasch herbeiströmenden Menschenmenge hörte sie in seiner eigenen Muttersprache sprechen. Weitere Wunder geschahen: Kranke wurden geheilt, böse Geister ausgetrieben und die drei himmlischen Persönlichkeiten schwebten über dem Boden. Was aber war ihre Botschaft?
„Wie konntet ihr die Größe Gottes vergessen?“, fragte Moses. „Er war euer kraftvoller Anführer in den frühen Jahren, als ihr euch als eigenes Volk in fremdem Land behaupten musstet. Er gab euch die Zehn Gebote für ein zivilisiertes Leben, als ihr ansässig geworden wart. Er lehrte euch, euren Nachbarn zu lieben wie euch selbst, als ihr in die Zukunft schrittet. Wird er nicht auch euer Richter sein? Ihr wart doch das erwählte Volk, alle Menschen zu führen! Wie konntet ihr euch nur zufrieden geben mit der formellen Beachtung von über sechshundert Geboten, ohne ein Segen für eure eigenen Nachbarn zu sein? Ihr seid doch gesegnet mit den größten geistigen Gaben, Führungspositionen und Reichtümern unter allen Nationen. Seid ihr aber auch ein Vorbild beim Lösen von Streit mit euren benachbarten Völkern – und damit beim Lösen von Streit der anderen Stämme untereinander, wie er so viele Regionen auf Erden ja nun bewegt? Gott hat die ganze Welt erschaffen. Alle Völker sind seine Kinder – eure Brüder und Schwestern. Von euch als erwähltes Volk wird besonders erwartet, dass ihr die Menschen in eine Welt führt, in der auch eure Nachbarn ein erfülltes Leben leben können! Habt ihr aber nicht gar zum Entzünden des jetzigen Brandes beigetragen? Wachet auf zu eurer Verantwortung! Handelt jetzt, als ob morgen der Tag des letzten Urteils käme!“
Und Jesus sprach: „Habt ihr denn die befreienden Gedanken vergessen, die ich euch gab – sanftmütig zu sein, barmherzig, reines Herzens und friedfertig? Wie konntet ihr aber die Ärmsten unter den armen Völkern vergessen? Wie konntet ihr nur zu oft diejenigen Mächte unterstützen, die die Armen unterdrückten? Ihr gabt ihnen die Waffen und das Geld und ihr lehrtet sie die Fähigkeiten, zu tun, was sie taten. Euch waren doch die höchste Zivilisation und die geistigen Erkenntnisse aller Völker der Geschichte gegeben! Habt ihr denn genügend von eurem Wissen und von euren Mitteln auf die Verbesserung dieser zerbrechlichen Welt verwandt, statt nur auf euer eigenes Wohlergehen? Wie sollte denn die Welt sein, die Gott euch angeboten hat? Was hat denn jeder von euch in seinem kleinen oder auch großen Wirkungskreis getan, um eine bessere Welt entstehen zu lassen? Viel wird erwartet von jenen, denen viel gegeben wurde! Wachet auf zu eurer Verantwortung! Handelt jetzt, als ob morgen der Tag des letzten Urteils käme!“
Da sagte Mohammed: „Habt ihr denn vergessen, dass mir ein Engel die Vision eines Gottes der Gnade und des Mitleids brachte? Was Gott von euch vor allem verlangt, ist ein frommes und moralisches Leben! Gott verabscheut das Töten von Unschuldigen! Der Gott der Juden, der Gott der Christen und euer Gott ist derselbe Gott, denn es gibt nur einen Gott! Gott erschuf die ganze Menschheit, euch, die Juden und die Christen! Wenn ihr an unseren Gott glaubt, wie er mir offenbart wurde, so müsst ihr ein frommeres, moralischeres Leben leben, ein Vorbild für die Ungläubigen sein – und ihr müsst mehr Gnade und Mitleid walten lassen! Ja, in der zweiten Sure, im 192. Vers, habe ich euch angewiesen, jene zu töten, die gegen euch kämpfen, um eure Freiheit und euer Land zu nehmen. Aber in der gleichen Sure, im 191. Vers, habe ich euch angewiesen, auch im Kämpfen maßvoll zu bleiben. Ganz eindeutig dürft ihr nicht Grausamkeiten gegen Unschuldige vollbringen! Als ich noch bei euch war, waren das ja die gewalttätigen Jahre der menschlichen Gesellschaft. Ich war der Letzte, der euch göttliche Offenbarungen brachte. Das bedeutete doch nicht, dass die menschliche Gesellschaft aufhörte, sich weiterzuentwickeln, wie sie es von frühesten Zeiten an getan hat. Erwachet doch endlich zur modernen Welt! Werdet ein Vorbild und zeigt der Welt, dass Frömmigkeit und Moral auch in der modernen Welt ein Leitfaden sein können und sein müssen auf dem Weg zu einer besseren Welt, einer Welt ohne Hass und Gewalttat, denn Gott ist „der Gott der Gnade und des Mitleids“, wie doch jede der Suren beginnt! Erwachet zu eurer Verantwortung als wahre Gläubige an unseren gemeinsamen Gott! Handelt jetzt, als ob morgen der Tag des letzten Urteils käme!“
Als all dieses gehört wurde, begannen die Juden, in Freude zu tanzen, die Christen fielen auf die Knie, die Mohammedaner verbeugten sich nach Mekka. Dann umarmten sich alle und wurden ein einziges Volk in all seiner Vielfalt unter einem Gott.
Und sie begannen, ein gemeinsames Heiligtum zu bauen auf dem Tempelberg, für den gemeinsamen Gott. Die heiligen Persönlichkeiten erhoben sich wieder gen Himmel in Freude. Sie waren verstanden worden ...
Am nächsten Tage schon trafen sich die höchsten Mullahs, die obersten Rabbiner sowie der Papst und alle Kardinäle, jeweils in ihren eigenen heiligen Städten und ihren eigenen Heiligtümern, um Rat zu halten. Sie befragten einige der begeisterten Augenzeugen. Sie analysierten den theologischen Gehalt alles dessen, was ihnen berichtet wurde. Sie kalkulierten die Konsequenzen für ihre Systeme aus Dogmen und ihre führenden Positionen in jeweils ihren eigenen Hierarchien.
Nach einer Woche wurden die Resultate veröffentlicht. Es wurde befunden, dass nichts Neues in den Worten enthalten sei, die in Jerusalem gehört wurden. Die theologischen Dogmen mussten nicht verändert werden. Die Gläubigen der drei Religionen wurden angehalten, sogar noch getreuer den alten Lehren zu folgen als bisher. Außerdem wurde die Wahrhaftigkeit der kurzen Erscheinung in Jerusalem vor ja nicht sehr vielen Menschen bezweifelt.
Also wurden im Heiligen Land die israelische Siedlungen in den besetzten Gebieten weiter ausgedehnt, der Kampf der westlichen Länder gegen den „muslimischen Terrorismus“ ging weiter und Mullahs predigten weiter für einen „heiligen Krieg“ gegen den Westen und Israel. Ein gemeinsames Treffen der geistlichen Führer der Welt und eine gemeinsame Erklärung zur Weltkrise wurden nicht geplant.
Da trafen sich die drei heiligen Persönlichkeiten noch einmal auf der Wolke im Paradies. Zum ersten Mal in der Geschichte sah man sie zusammen weinen.
Die Welt hatte sich nicht verändert …
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… sie wird sich auch nur verändern, wenn wir alle uns noch ändern – zusammen, sofort –, als ob morgen der Tag des letzten Urteils käme!
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Am 24. Januar 2002 fand auf Einladung von Papst Johannes Paul II. aber doch noch ein Treffen führender Vertreter der verschiedenen Weltreligionen in Assisi statt, um in einem gemeinsamen „Gebetstag“ zum Problem der Gewalttätigkeit und des Terrorismus in der Welt Stellung zu nehmen. Die daraus entstandene Erklärung, „Friedensdekalog von Assisi“ genannt, enthält zehn „Verpflichtungen“ zur Friedenssicherung.
Die „Verpflichtungen“ bieten friedliche Wege zur Lösung aller Konflikte an, aber sie nehmen weder Stellung zum religiösen Fundamentalismus auf allen Seiten noch zu den von einigen Regierungen als notwendig angesehenen militärischen Maßnahmen gegen nicht enden wollenden „Terrorismus“ großen Ausmaßes, noch zu militärischer Okkupation, zur Errichtung von Siedlungen in besetzten Gebieten, zur totalen Zerstörung der Lebensgrundlage einer gesamten besetzten Bevölkerung, zur schrecklichen Spirale der gegenseitigen Rache und zu Verzweiflungstaten.
Der Friedensdekalog von Assisi wurde an viele Oberhäupter von Staaten und Regierungen sowie an die Medien versandt. Der Bericht über das Assisi-Treffen und die daraus resultierende Erklärung erschien zu jener Zeit in vielen Tageszeitungen.
Ein Follow-up fand aber nicht statt, in keinem Land und in keiner religiösen Organisation und auch nicht in den Vereinten Nationen!
Alles war schnell wieder vergessen.
Die Gewalttaten und das Leiden aber gingen weiter.
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