Die Fähre am Raritan River

 

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Eine verlassene Fähre am Ufer –
ein einsamer alter Mann –
der Trost eines Kindes

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040408

 

Wenn man beim Zugang Nummer 9 auf die New Jersey Turnpike nach Norden auffährt, kommt man gleich auf eine Brücke über den Raritan River. Wenige bemerken ihn, weil sie sich so auf die Auffahrt und den dichten Verkehr nach New York konzentrieren. Gerade dort aber sollte man nach rechts über das Brückengeländer schauen.

Der Raritan war einmal ein landschaftlich sehr schöner Fluss. Bei New Brunswick tritt er zwischen leicht erhobenen Ufern aus den letzten grünen Erhebungen hervor, die sich vor Millionen Jahren bei der Trennung des nordamerikanischen und europäischen Kontinents gebildet haben. Von dort aus fließt er graublau nach Osten, durch das flache Schwemmland dem Atlantik entgegen, breit werdend, mit weiten Windungen hin und her, schließlich von dichtem, goldenem Schilf eingerahmt, sumpfig, aber romantisch schön.

Früher konnten die Schiffe von New York gerade noch bis hierher mit ihren Waren und Passagieren flussaufwärts kommen. Hier entwickelte sich dann die Stadt New Brunswick. Von dort ging der Handel und Verkehr weiter nach Süden auf der King’s Highway, heute der Straße 27, über Princeton nach Philadelphia, vielleicht sogar nach Baltimore oder Washington.

Die Schiffe fahren nicht mehr den Raritan herauf. Eisenbahnen und Lastwagen donnern nun auf mehreren Brücken über den Raritan hinweg. Die neueste und größte ist die Brücke der Autobahn, der Turnpike, einer doppelten Autobahn, zweimal drei Spuren in jeder Richtung, zusammen zwölf Spuren, jede dicht genutzt. Wer hat da Ruhe, über die Brüstung auf den Fluss zu schauen?

Moderne Entwicklung bringt Abfall mit sich. Großstädte und Industrie verursachen Schrott. Und so liegt rechts im Schilf neben der Brücke sogar eine ganze, stattliche Fähre, dazu ein kleines Schleppboot sowie eine Boje im Wasser davor. Die Fähre fuhr einst über die Hafenbucht von New York hin und her. Sie ist ein großes, breites Schiff mit zwei Etagen, in einem satten Gelb bemalt. An jedem der beiden Enden sind die kleinen taubenblauen Kapitänshäuschen oben aufgesetzt, die gerade genug Platz für den Kapitän und den Steuermann bieten. Und in der Mitte erhebt sich der dicke Schornstein, rosa bemalt, sehr hübsch. Das war mal ein schmuckes Schiff. Nun liegt die Fähre halb schräg geneigt im Sumpf, umgeben vom hohen, goldenen Schilf. Der Bug reicht gerade ins offene Wasser des Flusses.

Das kleine Schleppboot daneben ist schwarz, neben der Fähre kaum zu erkennen. Die Boje im Wasser davor lag auch mal im Hafen von New York, rot, mit einem kleinen Türmchen, und darauf wieder ein rotes Schild.

 

Seit achtzehn Jahren fahre ich dort über die Brücke. Wenn der Verkehr es erlaubt, schaue ich immer zur Fähre hin, im heißen Sommer, bei Schnee im Winter, am strahlenden Morgen, am nebligen Abend, selbst nachts. Ansonsten wusste ich nichts über die Fähre ...

... bis ich den alten schwarzen Zolleinnehmer, der da so ruhig und freundlich bei Ausfahrt Nummer 9 saß, einmal fragte, während ich ihm die Autobahngebühr aushändigte.

„Das ist so eine Geschichte“, sagte er.

„Was für eine Geschichte?“, fragte ich.

„Braucht zu viel Zeit“, meinte er, und schon hupte hinter mir ein anderer Autofahrer, der es eilig hatte, durchzukommen.

 

Zwei Wochen später traf ich mich mit Henry, dem alten Schwarzen, in seinem blitzsauberen Häuschen. Es lag im alten Teil der kleinen Ortschaft, wo die Häuser dicht nebeneinanderstehen, an einer ruhigen, schmalen Straße. Alle Häuser haben hier noch einige Stufen hoch eine „Porch“, eine überdachte Holzterrasse vor dem Haus, auf der gemütliche Schaukelstühle oder Bänke stehen. Da sitzt man an warmen Abenden – alte Paare im Ruhestand, auch junge Leute oder die ganze Großfamilie – und unterhält sich mit den Nachbarn über die Straße hinweg.

Da es ein warmer Sommerabend war, setzten wir uns also auf die Porch des alten Henry. Im Nu kamen seine kleinen Enkelkinder hinzu, ein Mädchen und ein Junge, die mit großen Augen zuhören wollten, was wir zu erzählen hatten.

„Erzählst du von deiner Weltreise?“, fragte das Mädchen.

„Oder von deinen Abenteuern im Krieg?“, fragte der Junge.

Offensichtlich war Henry als junger Mann weit herumgekommen. Nun lebte er sehr ruhig, besonders seitdem seine Frau vor einigen Jahren gestorben war und weil es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten stand.

Als die Kinder erfuhren, dass wir von der Fähre reden wollten, riefen sie ihre Freunde von gegenüber: „Henry erzählt wieder die Geschichte von der Fähre!“

Bald hatten sich vier oder fünf kleine Kinder um uns versammelt.

 

„Ja“, sagte Henry, „ja, da muss ich noch einmal erzählen, was ich wirklich vor vielen, vielen Jahren erlebt habe:

Damals, als ich noch jung war, ging ich gerne angeln, besonders auf dem Raritan River. Nun weiß ja jeder Angler, dass einige Fische am besten nachts anbeißen – und am allerbesten in einer Vollmondnacht. So ließ ich mich in einer solchen Frühlingsnacht einmal mit meinem kleinen Boot ruhig den Fluss hinuntertreiben. Das Wasser war sehr hoch – das ist so, wenn bei Vollmond eine besonders hohe Flut den Fluss nicht ins Meer ablaufen lässt. Auf jeder Seite meines Bootes hing eine Angel aus. Der Mond glänzte so strahlend schön am Himmel. Ich war ganz guter Stimmung und fühlte mich wie ein Teil der Natur. Hier und da hörte ich die Tiere der Nacht, Frösche und eigenartige Vogelrufe ... Doch da ..., was hörte ich da?

 

.......... krrrrrrr .......... quieeeeeeek .......... krrrrrrrr ..........  quieeeeek ..........

 

Schnell nahm ich die Angeln herein, legte mich flach in mein Boot und hörte auf das Geräusch. Je weiter ich den Fluss entlanggetrieben wurde, desto deutlicher wurde es:

 

.......... krrrrrrr .......... quieeeeeeek .......... krrrrrrrr ..........  quieeeeek ..........

 

Nun kamen schon andere Töne dazu:

 

.......... krrrrr ..... tock, tock ..... quieeek ..... click, click .......... krrrrr .....

 

Mein Boot glitt lautlos näher, war nun am Rand des Flusses, wo das hohe Schilf stand. Als es um einen Bogen des Flusses ging, erspähte ich im fahlen Mondlicht plötzlich ein großes, breites Schiff vor mir. Es war gelb angemalt. Oben am Ende war das graue Kapitänshäuschen. Der Schornstein war ganz rosa!“

 

„Oh, wie schön!“, sagte Henrys kleine Enkeltochter neben uns auf der Porch.

 

„Unterbrich nicht andauernd!“, sagte ihr Bruder.

 

Henry fuhr fort: „Das Schiff steckte rückwärts im Schilf, aber der Bug ragte ins Wasser des Flusses. Weil das Wasser gerade so hoch war, hatte es wohl das Schiff angehoben, sodass es sich mit der Bewegung des Wassers leicht bewegte. War das aber alles? Ich traute dem nicht. Mit den Händen über die Bootkante ins Wasser reichend paddelte ich so leise wie möglich mit wenigen Bewegungen mein Boot ans Schilf heran. Dann zog ich mich an den großen Halmen ins Schilfdickicht hinein. Keiner konnte mich dort mehr sehen. Ich konnte aber durch die Halme gerade noch das große Schiff erkennen.

In der Ferne schlug eine Uhr zwölf Mal – Mitternacht. Ein Uhu stieß nicht weit von mir einen klagenden Ruf aus ... Da hörte ich ein großes Gähnen – ganz in der Nähe – vom Schiff her!

Wie ein Stück Holz blieb ich in meinem Boot liegen, meine Augen weit geöffnet. Und meine Ohren ... – hätte ich sie doch größer machen können!“

Henry hatte sich dabei ganz tief in seinen Stuhl gedrückt, dass er gerade noch über die Brüstung der Porch auf die dunkle Straße schauen konnte. Alles war ganz still, und die Kinder saßen bewegungslos da.

„Nun kam ein kleineres Gähnen dazu ... Haaaawwwww!“, fuhr Henry nach gespanntem Warten fort. „Da sah ich erst, dass neben dem großen Schiff noch ein kleineres lag, schwarz, wohl ein Schleppboot, ebenfalls halb im Schilf versteckt. Und vor den beiden im Wasser ... – was war denn das?“

 

„Das rote Gespenst!“, flüsterte der kleine Junge.  

 

„Ja, wirklich!“, bestätigte Henry. „Da war ein kleines rotes Gespenst. Es stand auf einer roten Boje, wie auf einem Stein, und schwankte hin und her. Die Arme hielt es fest an der Seite und hatte einen großen, viereckigen Kopf.

Erst als ich meinen Schrecken halbwegs überwunden hatte, merkte ich, dass es eine rote Boje mit einem kleinen Turm darauf war, der mit der Bewegung des Wassers schwankte.

Was aber war das nun?

An der großen Fähre öffnete sich rechts und links je ein Fensterverschlag, und die Fenster dahinter leuchteten schwach auf, als ob das Schiff Augen bekommen hätte. Genauso leuchteten bei dem kleinen Schleppboot zwei Scheinwerfer wie Augen auf, und auf dem Kopf der Boje saßen wohl zwei große Glühkäfer.

 

Da hörte ich die Stimme des kleinen Schleppbootes: ‚Bist du wach, große Fähre?’

‚Ach ja’, kam die tiefe Stimme der Fähre wie aus einem großen, hohlen, eisernen Fass zurück. ‚Ist es denn schon wieder Mitternacht bei Vollmond?’

‚Du musst mir noch die Geschichte von dem großen Sturm im Jahr 1921 zu Ende erzählen, mit der du letztes Mal nicht fertig geworden bist.’

‚Ja, das war schlimm’, sagte die Fähre, die nun ganz wach war. ‚Es war damals schon Nacht geworden und das Wetter war so schlecht wie nie zuvor. Der Sturm blies so stark, dass die ganze Hafenbucht vor New York tobte, wie der Ozean selber. Gerade als ich mitten auf der Bucht war, um zur Stadt zurückzufahren, kam ein anderes Schiff vorbeigefahren, voller Menschen, und wurde einfach umgeblasen. Alle lagen im Wasser. Ich habe sofort die Motoren auf Hochtouren gebracht – dann mit lautem Sirenengetute, ohne Angst, direkt dahin! In letzter Minute habe ich die Menschen gerettet, alle! Ich bin geblieben, bis der Letzte bei mir an Bord war. Nun ging es schnell weiter zur Stadt, damit die Leute abgetrocknet und wieder aufgewärmt werden konnten.

Am nächsten Tag kam der Bürgermeister und brachte eine Ehrenfahne. Mit der bin ich dann einen ganzen Monat über die Hafenbucht gefahren. Alle anderen Schiffe mussten mir ausweichen.

Ja, und ein andermal war der König von Schweden in New York. Er sollte mit einem großen weißen Schiff im Hafen herumgefahren werden. Als er aber mich sah, fand er mich so schön, dass er lieber mit mir fahren wollte. Eine Musikkapelle kam an Bord und spielte die ganze Zeit, während ich den König im Sonnenschein spazieren fuhr: zur großen Freiheitsstatue dort auf einer Insel in der Hafenbucht, und zur Stadt zurück. Abends gab es sogar noch ein Feuerwerk!’

Und so ging das Erzählen weiter. Jeder Sturm der letzten hundert Jahre und jedes Schiffsabenteuer irgendwo auf der Welt hatte sich gerade im Hafen von New York abgespielt, und die stolze Fähre war durch alle als ein Held hindurch gekommen, rettend, helfend, die Menschen erfreuend, immer pünktlich auf ihrer Strecke, bei jedem Wetter, bei Sommerhitze, Winterkälte, immer!

 

‚Wir sollten mal wieder losfahren’, sagte der kleine Schlepper begeistert, ‚wie in alten Zeiten!’

‚Das geht doch nicht!’, sagte die große Fähre. ‚Vor uns liegt eine rote Boje und du weißt doch ganz genau, dass man da nicht losfahren darf. Ja, wenn es eine grüne Boje wäre, dann würde ich noch einmal hinausfahren. Dann würde ich meinen großen Motor noch einmal anstellen, das Wasser würde um uns rauschen, alle Schiffe müssten Platz machen und wir wären wieder auf der großen Hafenbucht, mitten im Verkehr.’

Gong ...! Von Ferne hatte eine Turmuhr eins geschlagen. Der Uhu flog zu seinem Nest zurück.

Die Lichter an den Schiffen, die wie Augen ausgesehen hatten, gingen aus. Die Fensterverschläge an der Fähre schlossen sich. ‚Haaaaaawwwww ...’, erklang noch ein leises Gähnen. Dann war alles wieder still.

.......... krrrrrrr .......... quieeeeeeek .......... krrrrrrrr .......... quieeeeek .......... Wieder war das Geräusch der Fähre, des Schleppers und der Boje zu hören – sonst nichts“, setzte Henry seine Geschichte mit geheimnisvoller Stimme fort. „Der Mond stand schon tiefer. Mir wurde etwas kalt. Hatte ich alles geträumt? Rasch ruderte ich nach Hause.

 

Am nächsten Tag bekam ich einen Brief, der mich veranlasste, auf eine Reise zu gehen. Erst im November kehrte ich wieder zurück.

Am nächsten Nachmittag ging ich sogleich zum Raritan River und fuhr mit meinem Boot, um zu sehen, ob die Fähre noch da sei. Es war Herbst geworden. Die Bäume hatten schon ihre Blätter verloren. Der Himmel war grau. Es wehte ein kalter Wind.

Ein großes Schiff überholte mich. Es hatte einen großen Kran, mit dem es offensichtlich altes Eisen aufgeladen hatte. Das ganze Schiff war voll damit. Fünf Männer standen auf dem Schiff, grob angezogen und verschmiert. Waren sie Halunken, die das alte Eisen womöglich gestohlen hatten, um es als Schrott zu verkaufen? Ganz gefährlich sahen sie aus! Das Schiff hatte auch keinen Namen drauf gemalt, wohl damit man es später nicht wiederfinden könnte.

Als sie zu meiner Fähre kamen, stellten die Männer den Motor ihres Schiffes ab und guckten.

‚Mal sehen, ob da noch was drauf ist, das wir mitnehmen können’, sagte einer der Männer zu den anderen. Sie waren so dicht an die schöne Fähre herangekommen, dass er hinübersteigen konnte, der Grobian. Im Nu war er im Inneren der Fähre verschwunden.

Nach ein paar Minuten kam er wieder heraus und rief seinen Gefährten zu: ‚Da ist noch ein großer Motor drin! Den sollten wir mitgehen lassen.’

Nun drehten sie ihren großen Kran, bis er über die Fähre reichte. Schnell hatte der Kran eine große Ladeklappe oben auf der Fähre aufgehoben. Ein großer Haken wurde an Stahlseilen herabgesenkt. Man hörte Klopfen und Schimpfen von dem Mann auf der Fähre. Dann zog der Kran an, und langsam hob sich am Haken ein riesiger Motor aus der Fähre empor, noch ganz glänzend vor Öl, das von den abgeschraubten Enden des Motors herabtropfte, als habe er eben noch als Herz der Fähre funktioniert.

‚Die rote Boje können wir auch noch mitnehmen!”’, rief ein Halunke vom Schiff. ‚Die legen wir vor unser Versteck. Dann traut sich keiner mehr, da reinzufahren.’

Um Platz zu machen auf ihrem schon vollen Schiff, warfen sie einfach allerhand von dem alten Eisen über Bord. Auch eine kleine grüne Boje flog herab, die sie wohl vorher gestohlen hatten. Sie landete gerade an der Stelle, wo vorher die rote Boje war. Welch ein Zufall!

Ich konnte nicht mehr hinsehen, so elend, so wütend, so schwach fühlte ich mich in meinem kleinen Ruderboot, allein gegen die fünf Halunken.

Schon hatten sie ihr Schiff wieder in Bewegung gebracht und verschwanden hinter der nächsten Flussbiegung.

 

Es waren noch drei Tage bis zur nächsten Vollmondnacht. Ich konnte es gar nicht erwarten, bei der Fähre zu sein, wenn sie dann um Mitternacht wieder aufwachen würde. Vielleicht könnte ich sie trösten.

Pünktlich drei Tage später war ich dort, sobald es Nacht geworden war. Es war kalt und einsam. Ich schaute in die dunkle Leere. Bald war ich zu meiner Fähre geglitten, hatte mich wieder im Schilf versteckt.

 

Gong, gong, gong ..., begannen die Schläge der Uhr zu Mitternacht. Ein Vogel rief in der Ferne so traurig, als ob er weinte. Die Fensteraugen der Schiffe leuchteten schwach auf. Ich horte das Gähnen: ‚Haaaaaaawwwwww!’

Wieder sprach das kleine Schleppboot zuerst: ‚Es wird kalt, Fähre. Der Winter kommt. Wir sollten mehr zusammenrücken! Zusammen geht es besser.’

‚Ja’, sagte die Fähre, tief in Gedanken.

‚Fähre!’, rief plötzlich das kleine Schleppboot. ‚Fähre, Fähre, schau hin! Die Boje ist grün! Wir können wieder losfahren.’

‚Ooooooh!’, rief die Fähre in einem Ton, wie ich ihn noch nie von ihr gehört hatte: ein so warmer, lebendiger Ton, ganz voll Leben und Kraft! So muss sie geklungen haben, als sie jung durch den Hafen hin und her fuhr!

 

Mit einem Mal gingen alle Fensterverschlüsse auf, alle Fenster leuchteten auf. Es war, als ob die Fähre im Innern größer wurde und sich alle ihre Kraft wieder sammelte ...

 

... aber es blieb ganz still!

 

Noch einmal leuchteten alle Fenster auf, wieder lief eine Spannung durch die ganze Fähre ...

 

... wieder blieb alles still!

 

Es müssen mehrere Minuten gewesen sein. Das Licht der Fenster war erloschen. Dann sagte die Fähre mit schwacher, alt und leer klingender Stimme: ‚Ich kann nicht mehr fahren ..., nie mehr ..., ich habe keinen Motor mehr.’

Es schien, als läge die Fähre nun noch tiefer im kalten, schwarzen Wasser, noch schräger, ganz hilflos im Schilf steckend.

 

Lange war es still.

 

Das kleine Schleppboot lag dicht an die Fähre gedrängt. ‚Fähre?’, sagte es zögernd.

‚Was ist noch?’, flüsterte die Fähre.

‚Wir lagen nun wohl schon zwanzig Jahre hier’, sagte das Schleppboot.

‚Ja.“

‚Es war immer schön, wenn du erzählt hast – alle die aufregenden und bunten Geschichten!’

‚Ja.’

‚Warum müssen wir denn wieder wegfahren? Warum müssen wir uns wieder durch die fremden Schiffe drängen? Warum können wir nicht hier bleiben, wo es so schön ist und so ruhig?’

Der kleine Schlepper lehnte sich gegen die große Fähre:

‚Wir können hier weiter sehr glücklich sein: Du erzählst Geschichten ... und ich höre zu!’

 

Gong ...!, klang es ein Mal.“

 

Henry hatte aufgehört zu erzählen. Er sah in die dunkle Ferne und schwieg.

 

Seine kleine Enkeltochter schaute durch die Tränen in ihren Augen zu ihm auf und lehnte sich dann eng an ihn an.

 

*

 

Die Fähre liegt noch heute an derselben Stelle, gut sichtbar, und wird dort von einer sie umgebenden kleinen Werft mit Fürsorge bewacht, die noch große Pläne für sie hat. Henry lebt noch im selben Haus.

 

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