Der goldene Spiegel

 

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Das Leben kann voller Poesie sein –

selbst beim Anbringen eines Spiegels

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040408

 

Eva und ich, nur wir beiden, aßen an einem schönen Sommertag wieder einmal recht guter Stimmung zusammen zu Mittag, im kleinen A&B-Restaurant an der Witherspoon Street in Princeton. Ihr blondes Haar bildete gleichsam einen schönen Rahmen um ihr Gesicht. Ihre hellen Augen reflektierten das Licht der bunten Welt, das durch die Fenster hereinschien. Woran mochte sie wohl denken? Ob sie an all die so glücklichen Jahre unseres gemeinsamen Lebens dachte?

Irgendjemand sprach französisch am Tisch nebenan. Da kam mir der französische goldene Spiegel in den Sinn, den wir einst hatten.

Es muss wohl vor über fünfundzwanzig Jahren gewesen sein. Wir waren auf einer fröhlichen Fahrt durch die Provence, auf dem Weg zu unserer gerade erworbenen Wohnung in Cannes. Wir hatten im alten Maussane angehalten, am ruhigen, von Platanen überschatteten Platz inmitten der Ortschaft. Alles, was man damals dort hören konnte, war das Klicken der Kugeln eines Boccia-Spieles alter Einheimischer rund um jenen Brunnen, der mit komischen, gusseisernen Schwänen dekoriert war. Das war die Zeit, bevor Autos dort parken durften, die nunmehr alles erdrücken.

Nach dem Essen bummelten wir die historische Rue Principale mit ihren kleinen Läden entlang – oder hieß sie Rue Napoléon – weil jener angeblich nach seinen Siegen in Italien durch diese Ortschaft gezogen war? Wir hielten beim „Antiquaire“ an, und dort war es, wo wir jenen großartigen Spiegel entdeckten. Er muss höher als zwei Meter gewesen sein und dazu gut proportioniert weit. Der Rahmen war reich dekoriert und mit glänzendem Blattgold bedeckt. Über ihn ragte noch eine wellige Verzierung, die ein Wappen mit den Buchstaben ES trug. Mir erschienen diese gleich Evas Initialen zu sein – oder bezogen sie sich auf Eugénie, die wunderschöne und kecke Tochter eines hiesigen Edelmannes des vorigen Jahrhunderts, hier noch in romantischen Gedichten verewigt? Ich kaufte den Spiegel für unsere neue Wohnung und für all die Jahre, die ich Eva als meine Eugénie darin gespiegelt zu sehen hoffte.

Als wir den Spiegel an die Wand des Grand Salon unserer Wohnung gehängt hatten, hob Eva einen unserer damals noch kleinen Söhne empor, damit er den Spiegel besser sehen könne. Er streckte seine Arme in Freude aus. Jahre des Lichtes und des Glückes begannen für uns in Cannes.

Frühmorgens, wenn wir aufwachten, konnten wir schon den strahlend hellblauen Morgenhimmel im Spiegel reflektiert sehen. Wenn wir unsere Köpfe etwas mehr hoben, konnten wir die riesige alte Pinie draußen vor unserem kleinen Garten im Licht der Sonne erkennen, dahinter den goldenen Strand und die tiefblaue Weite des Mittelmeeres, mit den Punkten einiger weißer Segel, und in der Ferne die Lerins-Inseln.

Später am Tag saßen wir oft im schattigen Garten, von Agapanthus-Blumen und blühenden Oleandern umgeben, und von den stattlichen Palmen, die wir selber gepflanzt hatten. Wenn wir durch die Fenster in die kühle Wohnung zurückblickten, sahen wir dort hinter den dicken Steinmauern den Spiegel an der Wand. Darin reflektiert konnten wir erkennen, ob einer unserer damals noch jungen Söhne etwa im Bett schlief – dann zumindest einmal in engelhafter Ruhe erscheinend   -   oder was die Kinder wohl gerade in der Wohnung vorhatten und das wir lieber wissen sollten.

Gelegentlich ruhte ich nachmittags selbst auf dem Bett aus. Dann sah ich manchmal in meinen Träumen die vielfältigen Gestalten meiner Geschichten aus dem Spiegel wie aus einem sehr hohen, goldenen Tor hervortreten – am Rande auch die lustigen Tiere unseres Gartens – und vor ihnen allen schien sogar der kleine bunte Strandball wie vom Winde angetrieben hervorzurollen. Welch Reflektion unseres vielfältigen Lebens!  

Wie schön war es, wenn Eva mich dann aufweckter, vom Garten draußen zurückschauend, um mich mit einem Lächeln zum erfrischenden Schwimmen aufzufordern.

An kühlen Abenden saßen wir oft in der Wohnung, auf einem unbequemen, aber „antiken“ Sofa unter dem Spiegel oder auf gleicherweise unbequemen antiken Stühlen um den Tisch herum, um zusammen das französische Kartenspiel Tarot zu spielen. Es war immer derselbe Spaß, ob uns der Spiegel wohl gestattete, in die Karten unseres Gegenübers hineinzuschauen.

 

Der Lauf der Zeit brachte Veränderungen. Unsere Kinder wuchsen auf, studierten und begannen ihr Berufsleben. Für lange Ferien am Strand, im Garten und in der Wohnung in Cannes hatten sie keine Zeit mehr. Schließlich verkauften wir die Wohnung. So kam der Tag des Auszugs. Einer unserer Söhne war extra nach Cannes gekommen, um uns beim Verladen der schweren Möbel zu helfen. Den Spiegel wollten wir zurücklassen, vielleicht in Cannes verkaufen. Unser Sohn protestierte. Er sagte, dass er sich noch erinnere, wie glücklich wir waren, als wir den Spiegel gerade erworben hatten. Wir sollten ihn mitnehmen. Er wolle ihn später gerne haben, wenn er mal eine feste Position und eine geeignete Wohnung besäße.

Ich mietete also einen kleinen Lieferwagen, groß genug für die paar Möbel und den großen Spiegel, aber etwas zu groß, um damit bequem fahren zu können. Ich ermahnte Eva, sehr vorsichtig zu sein, „nicht Kurven zu schneiden mit solch einem Fahrzeug“, falls sie mich eine Zeit lang beim Fahren ablöse, denn diese langen Vehikel nähmen alles mit, dem sie zu nahe kämen. Schließlich fuhr ich aber die ganze Strecke lieber selbst: eintausend Kilometer in einem Stück, bis nach München, wo unsere neue Wohnung war. Ich war todmüde, als wir spät in der Nacht ankamen.

Zum Glück fand sich vor unserer Wohnung ein freier Parkplatz, direkt vor einem neuen Mercedes. Ich bog elegant ein. Man hörte ein knirschendes Geräusch. Ich war zu dicht am Mercedes eingebogen. Dessen linker vorderer Scheinwerfer war nun abgerissen. Eva sah mich an und sagte nur: „Du musst aufpassen, nicht Kurven zu schneiden mit solch einem Fahrzeug!“

Die neue Wohnung in München war zu klein für den Spiegel. Der großartige französische Rahmen sah verloren aus neben den neuen, nordisch-nützlichen Ikea-Möbeln. Also wurde er in dem unserer Wohnung zugewiesenen Kellerverschlag abgestellt, in eine alte, verblichen-grünliche Decke eingewickelt und durch eine blaue Camping-Matratze zusätzlich geschützt. Welch Abstieg für den edlen Spiegel, weder Sonne und Licht noch menschliches Glück mehr zu sehen und reflektieren zu können – viele Jahre lang. Manchmal, wenn ich etwas in das Kellersegment zu bringen oder etwas von dort zu holen hatte, konnte ich die goldene Verzierung mit dem Initialenschild oben aus der hässlichen Umhüllung herausragen sehen – anklagend oder flehend?  

 

Dann besuchten wir eines Tages mal denjenigen unserer Söhne, der nun in San Francisco lebte. Er hatte eine sehr schöne Eigentumswohnung gekauft, im Marina Distrikt, nur einen Block von der Bucht entfernt, sogar mit Zugang zum Flachdach. Von dort hatte man einen fabelhaften Ausblick auf die Golden Gate Bridge und die tiefblaue Weite der Bucht, mit den Punkten einiger weißer Segel, und auf einige Inseln in der Ferne.

Ich sagte: „Das erinnert ans Mittelmeer.“

Er fragte: „Habt ihr noch den alten Spiegel?“

 

Einige Monate später ergab es sich, den Spiegel auf praktische Art von München nach San Francisco zu transportieren. Bei unserem nächsten Besuch dort half ich, ihn im Esszimmer unseres Sohnes zu installieren, an der großen Wand hinter dem Tisch. Selbst die Schwägerin unseres Sohnes fand, dass er dort sehr schön aussehe – „ça fait grand salon“, würden die Franzosen sagen. Wenn man gerade vom richtigen Winkel hinschaute, sah man sogar den strahlend blauen Himmel und das goldene Sonnenlicht von Kalifornien durch die Wohnzimmerfenster hinein reflektiert.

Wir mussten den Spiegel sehr fest an die Wand anschrauben – wegen der Erdbebengefahr dort.

Als wir dann spät am Abend fertig waren, hielt Eva unsere damals noch kleine Enkeltochter empor, damit sie den Spiegel besser sehen könne. Sie streckte ihre Ärmchen in Freude aus.

Wir spielten dann noch Tarot, alle um den Esstisch herum sitzend, auf unbequemen Küchenstühlen. Unser Sohn sagte, dass er meine Karten wieder im Spiegel erkannt habe, und wir lachten. 

Bevor ich zur Ruhe ging, schaute ich noch einmal in den Spiegel. Ich sah Eva reflektiert, die neben mir stand. Ihre blonden Haare bildeten gleichsam einen Rahmen um ihr Gesicht. Ihre hellen Augen reflektierten das Licht. Ihr Lächeln hatte etwas von Eugénie. Ob sie wohl an all die bunten Erlebnisse unseres gemeinsamen Lebens dachte?

 

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Hello, Eva! I still love you!

 

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