Tod eines Taliban

 

*

Eine lichtvolle Vision endet in Finsternis

*

040708

 

Abdul war das vierte Kind eines Schneiders in Kunduz, einer kleinen Stadt im Nordosten Afghanistans. Er war etwas kleiner und weniger robust als seine Brüder – auch ernster.

Eines Abends führte die Mutter die Kinder vor das Haus, um ihnen die in der Dunkelheit über ihnen leuchtenden Sterne zu zeigen. Sie sang dabei ein Lied mit einer einfachen Melodie. Das Lied nannte die Namen der hellsten Sterne und sang von Allah, der über allem wohnt. Dem kleinen Abdul schien es, er könne Allahs freundliches Gesicht hoch oben in der Dunkelheit sehen, und er fühlte sich glücklich.

Seit dieser Nacht wollte Abdul alles über seine Umwelt lernen – nicht nur die Namen aller Sterne, auch die aller Pflanzen und Tiere. Statt auf der Straße mit den anderen Kindern zu spielen, saß er lieber neben seinem Vater, der ihm Lesen und Schreiben beibrachte.

Die Taliban beherrschten die Stadt. Für Abduls Vater gab es wenig Arbeit und die Familie hatte nicht genug Geld, um Abdul zur Schule gehen zu lassen. Aber es war gerade das Lernen in der Schule, wonach er sich sehnte.

 

Eines Tages kam ein Onkel zu Besuch. Er war recht erfolgreich mit seinem kleinen Geschäft jenseits der Berge, drüben in Pakistan – an der Karakoram-Straße. Diese führte von China herab, am riesigen Berg Nanga Parbat vorbei, zu den großen Städten Islamabad oder Rawalpindi, wohin sie viel Verkehr und Handel brachte. Jener Onkel war von Abduls Lerneifer beeindruckt und schlug vor, dass er die Schule eines Mullahs in seiner Gegend besuchen sollte. Er, der Onkel, werde für diesen besonderen Sohn seines Bruders gerne die Schulkosten übernehmen.

Wie sich dann aber herausstellte, war die Schule nur eine Madrasa, von der Art, mit der einige Dorfmullahs den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien aufbessern. Den jeweils etwa 35 Jungen wurde dort bei spartanischer Unterkunft alles beigebracht, was diese Mullahs vom Koran wussten, so viel oder wenig das sein mochte – und nur vom Koran.

Zuerst war Abdul enttäuscht, dass er nichts über die Sterne, Pflanzen und Tiere lernen konnte. Aber dann eröffnete sich ihm eine andere Welt, die Welt des Korans, die Lehre vom richtigen Pfad durchs Leben, der zum Paradies führe, und von vielen alten Geschichten, die von der Hilfe Allahs für die Menschen vergangener Zeiten berichteten. Ob Allah auch einmal seiner Familie helfen würde?

Der Mullah war gut zu seinen Schülern. Am Ende des Ramadan brachte die Frau des Mullahs den Schülern sogar etwas von dem süßen Gebäck, das sie dann immer für den Mullah buk, und die Schüler konnten den wunderbaren Duft des Festmahles riechen, das sie für ihre Familie zubereitete. Wenn er gut gegessen hatte, war der Mullah ja auch weniger streng in seiner Lehre und beschrieb dann immer gerne das Paradies.

Dann aber fingen die Kämpfe in Afghanistan an. Die Amerikaner bombardierten das ferne Mazar-i-Sharif. Die Taliban forderten mehr freiwillige Kämpfer für ihren Heiligen Krieg, den Dschihad, an. Abdul war gerade 17 Jahre alt geworden. So erwog er, am Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen teilzunehmen.

Der Mullah wollte dem guten Ruf seiner Madrasa nachhelfen, indem er ein paar seiner Studenten als Freiwillige aussandte. Einige Schüler waren zwar nur Dorfjungen mit wenig Lust zum Lernen, aber vielleicht mit guten Fähigkeiten zum Kämpfen. Leider zahlten sie auch nur wenig Schulgeld. Die besseren Schüler waren zumeist die Söhne oder Neffen von Händlern, die volles Schulgeld bezahlten und überdies noch Geschenke brachten. Abdul gehörte zu letzterer Gruppe.

Der Mullah wollte ihn nicht gehen lassen, aber Abdul bestand darauf.

Es war gerade wieder der Ramadan. So brachte der Mullah ihm am Abend vor seinem Abmarsch zu den Taliban eine Sonderration Essen, bevor er sich selber zur üblichen Festmahlzeit mit seiner Familie begab. Der Mullah war stolz, dass er nun schon zwölf seiner Schüler den Taliban zugeführt haben würde – sogar den ernsten Abdul.

 

Die Gruppe der jungen Freiwilligen war nachts aufgebrochen, um nicht von den pakistanischen Grenzposten oder vermuteten Feinden entdeckt zu werden. Als das erste Morgenlicht aufkam, hatten sie bereits den Pass überquert, der nach Afghanistan führt, und liefen ein schönes Tal hinab. Bäume waren dort am Rand eines Baches, auch dichtes Gebüsch und ab und zu gepflegte, ganz kleine Felder. Abdul empfand, dass er wieder nach Hause komme.  

Unversehens wurden sie von einer Gruppe bewaffneter Männer gestoppt. Als diese aber erfuhren, dass die Jungen Freiwillige seien, wurden sie freundlicher. Nur einer von ihnen war anders: der Anführer der bewaffneten Gruppe, ein echter Al-Queda-Kämpfer, wie man den Jungen zuraunte. Er war arrogant und streng, als ob er etwas Besseres als die anderen wäre. Er befahl den Freiwilligen, aufzuhören zu reden und schwere Lasten von Nachschubmaterial für die Taliban zu tragen, das gerade von Pakistan angeliefert worden war. Es gebe bis abends nichts zu essen.

Nach einigen Tagen Marsch kamen sie nach Kunduz. Abduls Eltern waren geflohen. Alle seine früheren Freunde waren von den Taliban zum Kriegsdienst eingezogen worden, die wildesten Jungen sogar von der Al Queda. Den jungen Freiwilligen von Abduls Gruppe wurde der Gebrauch von Gewehren beigebracht. Dann befahl man ihnen, in einem Stallgebäude zu bleiben, das nun als Kaserne diente. War das der Heilige Krieg, der zum Paradies führte?

Die amerikanische Bombardierung von Kunduz hatte begonnen. Anfangs konnte man nur während der Nacht einige Explosionen in der Ferne hören. Nach Stunden kehrten Transporte mit verwundeten Kämpfern von dort zurück.

Von Nacht zu Nacht wurden die Explosionen lauter und kamen näher. Bei einer der stärksten Explosionen wurde das Gebäude derart erschüttert, dass dichter Staub die Luft erfüllte. In letzter Zeit hatten alle nur wenig zu essen und lediglich schlechtes Wasser erhalten.

Verwundete wurden nun auch in ihr Gebäude eingeliefert: einige mit tiefen Schrapnellwunden, andere, denen Teile ihrer Gliedmaßen abgerissen worden waren – manche laut schreiend, andere stumm oder nur vor sich hin jammernd. Keiner traute sich mehr, nachts hinauszugehen. Der dunkle Raum wurde bald eine stinkende Höhle. Mehrere Männer beteten stundenlang, die meisten starrten nur in die Dunkelheit. Keiner erwartete, diesem Schrecken noch entkommen zu können.

In der nächsten Nacht schlugen die Bomben schon früh ein, gleich nach Sonnenuntergang. Abdul dachte an den Mullah, der sich jetzt wohl bei seiner Familie zum Abendbrot niederlassen würde. Eine Bombe explodierte direkt neben einer Wand ihres Gebäudes. Die Detonation war ohrenbetäubend. Dachbalken, Ziegel und Steine fielen auf die Freiwilligen und auf die verwundeten Soldaten herab. Einige wurden getötet.

Da erfasste Abdul eine wahnsinnige Wut gegen den Mullah. Er glaubte, ihn vor sich im Dunkeln stehen zu sehen. Abdul griff nach seinem Gewehr und schoss wild auf diese Vision los. Ein älterer Verwundeter neben ihm legte nur ruhig eine Hand auf seinen Arm und sprach die Anfangsworte jeder Sure des Korans: „Allah ist gnädig und barmherzig.“

 

Bei der nächsten Bombenexplosion hörte Abdul zwei klare, metallische Töne. Waren das nicht die ersten Töne der Melodie, die einst seine Mutter gesungen hatte? Abdul stand auf und ging in die Nacht hinaus. Er sah hinauf zu den hellen Sternen – aber Allahs Gesicht war in der Leere der abgründigen Finsternis nicht mehr zu sehen.

 

Abdul hörte nicht einmal das Zischen der nächsten Bombe, die herabkam, ihn zu zerreißen.