Tom und seine Tiger
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Eine Begegnung in Arizona –
mit einem Versager im Leben,
aber einem besonderen Menschen für mich
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040408
Immer wieder denke ich an jenen Abend in Arizona zurück. Damals, vor nun schon über zwanzig Jahren, sah ich Tom zum ersten und letzten Mal. ... Oder?
Es war im Oktober 1978 in Scottsdale, Arizona. Die Sommertouristen waren abgereist, die Wintertouristen noch nicht angekommen. Die Tage waren noch sonnig und heiß, aber die Abende brachten schon erfrischend kühlen Wind von der Wüste. Mein alter Kollege Georg und ich hatten uns im Grapevine Restaurant getroffen. Viele gingen damals dahin, um die hübschen jungen Bedienungen zu sehen. Wir wollten aber nur oben auf der Terrasse sitzen und die Spezialität des Hauses, eine griechische Pizza, essen.
Georg war nun fast siebzig Jahre alt und schien müde. Er sprach aber von seinem großen Projekt. Er wollte noch ein Buch schreiben, ein vielbändiges Werk, eine Gesamttheorie der menschlichen Gesellschaft. Ich riet ihm, erst einmal einen kurzen Artikel darüber zu schreiben, und zwar bald, solange er noch Energie dazu habe. Das Leben geht doch so schnell vorbei.
Es wurde uns zu laut im Restaurant, sodass wir beschlossen, zu einem kleinen Ort im Norden von Scottsdale zu fahren, das in den Hügeln irgendwo hinter Care Free lag.
Bald ging es aufwärts, vorbei an Raw Hide, dem bunten Cowboy-Dorf der Filmindustrie mit allabendlichem Shoot-out. Nun hatten wir die Stadt verlassen. Es war schon Nacht geworden. Die tausend Lichter der Stadt lagen glitzernd in der Niederung hinter uns, wie von einem Juwelier ausgebreitet. Der strahlend sternklare Himmel erhob sich über den Bergen und der stillen Wüste um uns. Ein Hase sauste im Scheinwerferlicht vor dem Auto über die Straße und verschwand zwischen den Kakteen. Bald sah man in der Ferne die Lichter von Care Free. Rechts und links erhoben sich die großen, gerundeten, grauen Felsen, die zu dieser Landschaft gehören.
Wir fuhren durch den Ort, an den modernen Ferienhäusern vorbei, und erreichten bald die alten Gebäude von Cave Creek. Vor uns lag dort ein großer grauer Schuppen, das niedrige Brettergebäude einer alten Bar, des Desert Corral, von einer einzigen Straßenlampe und einer roten Neon-Bierreklame an der Tür nur wenig erleuchtet. Wir hatten Durst und kehrten ein.
Knarrend öffnete sich die alte Tür. Drinnen war es fast so dunkel wie draußen, weiträumige Leere. Vor uns wenige, kleine, ungedeckte Tische, kein einziger Gast. An der Rückwand leuchtete eine Jukebox aus vergangenen Zeiten. An der rechten Wand hinten war die Bar, darüber ein Licht. War es eine einzige Glühbirne, die von der Decke hing? Dort saßen zwei Stammgäste, alte Männer, wie aus einem Western, mit groben Cowboyjacken und Westernhüten. Der Barkeeper, mit Glatze und geschwungenem schwarzem Schnurrbart, las eine Zeitung und würdigte uns Eintretende kaum eines Blickes.
Wir bestellten jeder ein Bier. Nach langem Schweigen bemerkte ich zu einem der Stammgäste: “Wird schon kühl draußen”.
„Jap“, war die schlüssige Antwort.
Wieder Schweigen.
„Ziemlich ruhig hier“, sagte ich.
Nach einigem Zögern die Antwort: „Jap.“
Nach nun längerer Stille kam die überraschende Frage: „Wo kommt ihr her?“
Man akzeptierte uns also und war bereit zu reden.
Bald erfuhren wir, dass beide Stammgäste längst im Ruhestand waren und ihre Familien verloren hatten. Was sie sonst taten? „Nicht viel.“
Wieder Schweigen.
Schließlich die Bemerkung des einen: „Tom hat seine Tiger.“”, auf den anderen schauend.
Tiger!?
Nun schwieg ich etwas länger. Dann sagte ich: “Das ist gut”.
„Das ist nicht gut“, war die Antwort. „Das kostet was, die zu füttern.“
Wieder schwieg ich die gebührende Zeit, dann: „Das ist nicht gut.“
Nun kam der Haken: „Warum gibst du ihm nicht was, dann zeigt er sie dir.“
Endlich hatte man einen Nutzen für uns gefunden und erhoffte sich wohl etwas Abwechslung.
Tom war ein kleiner, hagerer Kerl mit faltigem Gesicht, heute nicht rasiert. Er hatte bisher nichts gesagt, sah uns nun mit traurigen, großen, müden Augen erwartungsvoll an.
Georg und ich sahen uns an. Das konnte ja was werden: Tiger im Desert Corral in Cave Creek, bestimmt gut gesichert in diesem Bretterverschlag, mit diesen Wärtern. Oder waren es nur Papiertiger?
Schließlich holte ich mein Portemonnaie hervor, zog fünf Dollar heraus, legte sie auf die Bar neben Tom.
„So viel für jeden“, sagte der andere.
Toller Kerl. Muss wohl mal Geschäftsmann gewesen sein – oder Pferdehändler – oder erkannte er ein Greenhorn, sobald er eines sah?
Den Spaß war es mir wert. Da lag der zweite Fünf-Dollar-Schein.
Tom brachte ein müdes Lächeln zustande, trank sein Bier aus und stand auf.
Vorsichtshalber tranken wir ebenfalls unsere Biere aus und standen auch auf.
Tom ging die wenigen Schritte links an der Bar entlang zur hinteren Wand, wo wir nun eine Tür bemerkten. So knarrig, wie die Vordertür, öffnete er sie und trat ins Dunkle hinaus. Wir folgten.
Draußen war es absolut finster, schwarz. Tom verschwand. Man hörte ein „Klick“, und fünf Lichter an hohen Pfosten gaben unerwartete Helle, wenn auch mager für den großen Sandplatz, den wir nun erkannten. Links ein Autowrack unbestimmt dunkler Farbe, ein alter Chevy, dann eine niedrige, halb rostige Wellblechhütte, wieder ein Autowrack, ein brauner Pick-up-Truck, dazwischen ein paar Reifen, Autoteile. Hinter dem Sandplatz und rechts erkannten wir nun doppelt haushohe, kahle Felsen, den Platz völlig abschließend.
Zu unserer größten Überraschung war mitten auf dem Sandplatz ein kleines, schwarzes, rundes Gitter aufgestellt, mehr als mannshoch, wenige Meter Durchmesser. Es war durch einen Gittergang mit der Wellblechhütte verbunden. Nun erkannten wir auch hohe Hocker im Kreisgitter, wie im Zirkus.
Tom musterte uns, ob wir ihm nun wohl glaubten. Sein Kumpan sah uns stolz an: Er hatte es ja gesagt, dass da Tiger seien. Der Barkeeper erschien an der Tür, um zu sehen, wie wir reagierten.
Ich fragte: „Wo sind die Tiger?“
Tom sah mich etwas beleidigt an. Glaubte ich ihm immer noch nicht?
Dann ging er hinter die Wellblechhütte, ich mit drei großen Schritten hinter ihm her.
„Erschreck sie nicht!“, sagte er, „sie stehen nicht gerne nachts auf.“
Er öffnete die Tür zur Hütte. Es stank sofort intensiv – nach Tiger! Innen knipste er ein schwaches Licht an.
Allmählich konnte ich hinter einem Gitter vier große, längliche Haufen erkennen.
„Ho!“, rief Tom. „Ho, ho!“
Dann nahm er eine Stange und stach in die Haufen.
Ein Tigerkopf erhob sich, dann ein zweiter.
Es dauerte einige Zeit, bis die vier Tiger auf den Beinen waren.
Waren es wirklich Tiger? Oder nur Tigerfelle, die lose wie Decken auf länglichen Gestellen hingen und lange Falten warfen? Das mussten die ältesten und magersten Tiger sein, die es je gab, etwas für das Guinness-Buch der Rekorde.
Tom piekte und piekte, rief „Ho“ und nannte jeden Tiger beim Namen, bis der erste langsam zur Öffnung des Gittergangs schlich.
Das war noch echter Tigergang, unhörbar, wiegend, elastisch, gleitend, aber in Zeitlupe, abgeklärt, nichts mehr wollend.
Die anderen Tiger folgten, uns mit seitlichen Blicken abschätzend. Der letzte bekam einen Stoß, ließ ein drohendes Grollen hören, eine Erinnerung, ein Nachhall, ein Nachahnen des Lebens seiner Vorfahren in der Wildnis, seiner Jugend in der Manege.
Wir gingen hinaus und beobachteten, wie die vier Raubkatzen den Gang entlangkamen. Leuchteten die Augen etwa noch grün auf? Im Ring war jeder Tiger mit einem unerwartet eleganten Satz auf einen Hocker gesprungen, fließend, in dem kurzen Augenblick ihre gewaltige Größe zeigend. Dann saßen sie alle ruhig da.
Tom trat durch ein Türchen in den Ring, schloss es sorgfältig hinter sich ab, hatte den Hut abgelegt, eine Peitsche und einen großen Reifen in der Hand. Die Vorführung begann.
Toms Stimme war kräftig, klar, bestimmend, er selbst aufgerichtet, gespannt, wie sein jüngeres Selbst. Die Peitsche knallte.
Die Tiger duckten sich.
Auf einmal sprangen zwei, die sich gegenübergesessen hatten, gleichzeitig los, der eine drüber, der andere drunter – von ihrem Hocker auf den des Gegenübers.
Die anderen beiden wurden nervös, grollten, zeigten ihre Tatzen. Ein Peitschenknall von Tom, ein Kommando, und die anderen beiden sprangen, ihre Sitze tauschend.
Tom drehte sich vorsichtig zu uns um, ohne die Tiger aus den Augen zu lassen. Georg und ich, die einzigen beiden Gäste, klatschten Applaus, der sich in dem weiten Sandplatz verlor und nur geisterhaft als schwaches Echo von den dunklen Felsen zurückkehrte, als käme er von den nicht mehr lebenden Zuschauern versunkener Zeiten.
„Hoh!“, hieß es wieder im Ring, „ho, ho!“ Tom hielt nun den Reifen hoch.
„Kein Feuer mehr“, rief er uns zu.
„Hier nicht erlaubt“, ergänzte sein Kumpan, der neben uns stand.
Aber wie hatte Tom das gemeint? Tom, jetzt bist du doch noch der Alte. In diesem Augenblick ist dein Leben doch noch voll da!
Ein Tiger sprang durch den Reifen, danach ein zweiter. Dann winkte Tom ab.
„Die werden müde“, erklärte er, warf jedem Tier etwas zu fressen zu. Während die Tiger gierig an den kleinen Brocken kauten, wandte er sich uns zu, verbeugte sich mit großem Schwung des Armes, richtete sich dann hoch auf. Wir klatschten wieder, länger als vorher.
Die Tiger schlichen durch den Gang zurück.
Es schien, als seien ihre Köpfe nun etwas erhoben und der Gang frischer. Sie zögerten, durch das Schlupfloch in der Hütte zu verschwinden, und schauten zurück.
Schließlich glitt der erste hinein, darauf der zweite, der dritte, und – erst noch einmal müde, aber stolz zurückblickend, dann mit gesenktem Haupt – der letzte.
Ich werde diesen wie vom Leben Abschied nehmenden Blick nicht vergessen.
Tom stand allein im Ring, Peitsche und Reifen unsicher in der Hand. Er stellte sie ab, kam zu uns heraus, schloss die Tür sorgfältig, fast zögernd hinter sich zu.
„Sehr gut“, lobte der Kumpan, zu uns gerichtet.
Tom sah uns unsicher an.
„Gute Tiger“, sagte ich.
„Gute Show“, sagte Georg, wohl für Tom.
Dann gingen wir zur Bar zurück.
Noch während ich an der Tür war, schaltete Tom die Lichter aus. Wieder umhüllte uns absolute Dunkelheit und Stille. War alles nur ein Traum gewesen?
An der Bar bestellte ich eine Runde Bier für alle. Tom schien aufgelockert.
„Was gibst du ihnen zu fressen?“, fragte ich. Schließlich sollten ja meine zehn Dollar dafür herhalten.
„Köpfe und Flügel“, antwortete er.
„Wessen Köpfe und Flügel?“
„Von Hühnern.“
Es stellte sich heraus, dass er sich von einem Freund bei einer Hühnerschlachterei beliebig viele Hühnerköpfe und Flügel holen konnte. Das war es, was die Tiger zu fressen bekamen, jeden Tag, morgens und abends, manchmal nur ein Mal, sonst nichts – außer wenn Tom Geld hatte. Dann gab es richtiges Fleisch, Abfall von einer Viehschlachterei. Aber die wollten eben Geld dafür. Da halfen dann die zehn Dollar.
Wer kam sonst?
„Viele Besucher“, sagte Tom.
„Manchmal eine Schulklasse“, fügte sein Kumpan hinzu.
„Nicht manchmal, andauernd!“, korrigierte Tom. „Ich werde schon noch meinen Zoo und Zirkus eröffnen, bald, vielleicht schon nächstes Jahr.“
Nun sprachen wir von seinem großen Traum, seinem Plan, seinem ganz festen Vorhaben. Die Tiger stammten ja von einem Zirkus, der vor vielen Jahren bei der Durchfahrt ausgerechnet in Scottsdale Pleite ging. Der Besitzer war mit dem Geld über die Grenze nach Mexiko verschwunden. Die Versteigerung des Zeltes, der Wagen, der Tiere brachte nicht einmal genug für die Gläubiger. Die Tiger wollte keiner. Die brauchten zu viel Fleisch. Tom, der Tigerpfleger war, übernahm sie. Er konnte sich nicht von ihnen trennen, er konnte seine Tiger doch nicht im Stich lassen!
Nach einigem Herumziehen fand Tom mit seinen Tigern Zuflucht auf dem Hof, zwischen einer Autoreparaturwerkstatt und dem Desert Corral in Cave Creek. Vom ursprünglichen Dompteur hatte er genug abgeschaut, um eine kleine Show zu bringen. Die Tiger arbeiteten mit ihm, da sie ihn seit Jahren kannten und er sie immer gerade vor dem Verhungern bewahrte.
Das war nun schon viele Jahre so. Der Plan für den großen Zoo und Zirkus bestand ebenfalls seit vielen Jahren.
„Immer redet er davon“, mischte sich der Barkeeper ein.
„Ich werde es doch noch tun“, sagte Tom, „next year ..., wenn ich dann genug Geld habe.“
„Das hätte er damals tun sollen, als er noch jünger war und noch mehr Geld hatte“, meinte der Barkeeper.
„Ich werde es tun“, beharrte Tom, „aber ich brauche doch erst das Geld. Vielleicht kommen dieses Jahr mehr Schulklassen. Vielleicht lass ich die doch mal was zahlen“, sagte er.
Es stellte sich heraus, dass er für Schulklassen umsonst vorführte, nur kleine freiwillige Gaben von den Kindern bekam, für die Tiger, für echtes Fleisch.
Und die Tiger wurden alt.
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Einige Jahre sind seitdem vergangen. Vor einigen Monaten war ich wieder in Arizona. Den Desert Corral gibt es noch: Er ist jetzt ein feines Restaurant geworden. So viel mehr Leute sind in diese Gegend gezogen.
Tom ist vor einigen Jahren gestorben – und mit ihm sein Traum vom großen Zoo.
Seine Tiger? Der Tierschutzverein hatte sie mitgenommen. Nur der alte Käfig stand noch da.
Ich rief Georg an. Er wurde gerade 85 Jahre alt. Sein Buch, sein Werk, solle nun bald geschrieben werden, sagte er. Ich selbst bin nun 65 Jahre alt. Sobald ich einmal Zeit habe, werde ich anfangen, eine Geschichte zu schreiben. Ich habe ein tolle Idee: Die Geschichte von Tom und seinen Tigern! Ich muss nun aber zu schreiben anfangen – vielleicht nächstes Jahr. Dann bin ich über 66.
Und sobald ich fertig bin, gehe ich eines Nachts hinaus, wenn über dem dunklen Land der weite Sternenhimmel leuchtet. Die Griechen haben Fabeltiere, ihre Helden oder auch nur besondere Menschen dorthin versetzt. Gibt es dort nicht auch das Sternbild eines Tigers?
Und dort ..., die Sterne daneben! Was sehe ich ...?
Tom!
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Diese Geschichte beruht auf einem wahren Erlebnis.
Die Namen sind geändert, die Erzählung ist ergänzt worden.
Nun bin ich wohl der letzte Verbliebene, der an jenem Abend dort war und sich noch an Tom erinnert.
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