Die Wand
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Der Tod nahte, brachte aber Freude und Liebe
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040508
Wir verbrachten den Sommer wieder in unserer Ferienwohnung in Cannes am Strand. Morgens gingen wir schwimmen. Während des Tages lasen wir im schattigen Garten ein Buch. Zum Abendbrot fuhren wir zu einem der malerischen Dörfer oben in die Hügel – nach Mougins, Valbonne oder Cabris. So verlief das Leben angenehm, leicht, fast elegant.
Dann geschah etwas Ungewöhnliches. Eines Morgens wachte ich mit dem letzten Bild eines schlechten Traumes auf: Ich war auf eine steinerne Wand aufgefahren und erinnerte mich noch an den Augenblick, als mein Kopf auf die harte Wand aufschlug und ich zu sterben erwartete. Als ich endlich ganz wach war, hatte ich das sichere Gefühl, dass mein Leben noch im kommenden Herbst sein Ende finden würde. Es dauerte einen Tag, bis meine Gedanken genügend klar waren, um mit meiner Familie über alles zu sprechen, über meinen Traum und über mein inneres Gefühl eines sicheren, nahen Todes. Sie lachten alle und ermahnten mich, nicht abergläubisch zu sein, sondern mich aufzuheitern: „to cheer up“. Erst während der nächsten Wochen entwickelte sich folgende Geschichte in meiner Vorstellung und gab mir Frieden. Nun, viele Jahre später – ich bin noch nicht gestorben – schreibe ich sie auf.
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Jacques lebte in einer Stadt in der Provence – ich weiß nicht, in welcher –, in einem unbedeutenden Vorort, die überall gleich aussehen: Straßen mit vierstöckigen Wohnhäusern, eines neben dem anderen, grau oder ziegelfarben, im Erdgeschoss kleine Läden. Jacques war Lieferant, fuhr einen kleinen Lieferwagen, brachte die Ware – ich habe vergessen, welche – in vorbereiteten Päckchen von Laden zu Laden, schön der Reihe nach, durch alle Straßen in seinem Quartier. Er hatte sich genau ausgedacht, wie er fahren musste: erst die nächstliegende Straße von rechts nach links, dann jene dahinter zurück von links nach rechts, die überübernächste von rechts nach links, und so in einer Schlangenlinie bis zur entferntesten Straße seines Bereiches, dann nach Hause.
Eines Morgens erwachte Jacques schweißgebadet aus einem Traum. Während seiner täglichen Fahrt war er gegen eine Steinwand gefahren, die aus großen Granitbrocken zusammengesetzt war, wie man sie in Flussbetten findet. Ganz genau sah er noch das Bild jener Wand vor sich. Er konnte noch sehen, wie sein Kopf auf einen großen, glatten, grauen Stein zugeschleudert wurde. Er glaubte, noch die unerbittliche Härte des Aufschlages auf diesen kalten, toten, unnachgiebigen Stein in einer Endgültigkeit des Ereignisses zu fühlen. Das war das Ende!
Ohne mit Frau und Tochter zu reden, fuhr er blass zur Arbeit. Seine Frau schaute ihm mit fragendem Blick nach. Hin und her ging die Fahrt durch die Straßen, diesen Tag und den nächsten. Aber am dritten Tag geschah etwas noch Ungewöhnlicheres. Jacques sah genau die Mauer, von der er geträumt hatte, vor sich – hinter einer Ecke, um die er auf dem Nachhauseweg fahren musste. Ganz genau erkannte er sie wieder, jeden Stein dieser aus grauen Granit-Felsbrocken aufgebauten Fläche – und dort den Stein, auf den sein Kopf aufschlagen sollte.
Zu Hause redete er wieder nicht mit Frau und Tochter, aß wenig und ging dann fort, um „etwas zu erledigen“, lief stundenlang herum, bis die dunkle Nacht hereinbrach. Was hatte sein Leben für einen Sinn gehabt, was hatte jetzt überhaupt noch Sinn? War das alles gewesen: viel Arbeit, eine spärliche Wohnung, eine einfache Frau, ein kleines, hageres Mädchen als Kind? Sich betrinken war sinnlos. Sich selbst umbringen – was der Stein ja auch wie vom Traum vorhergesagt tun würde –, war ebenso sinnlos. Zu schwarz und abgründig war alles, um sich noch einmal über irgendetwas freuen zu können. Er konnte nur die Zeit verbringen, bis das Unausweichliche geschehen müsste.
Nach Hause zurückgekehrt, fand er dort schon alles dunkel vor, Frau und Kind schliefen. Aus unerfindlichem Grund berührte er seine Frau leicht, doch sie bewegte sich nicht. Dann schlief auch er, tief und ohne Erinnerung, wachte früh vor den anderen wieder auf, ging schweigend fort – zu seiner letzten Fahrt.
Jacques wollte noch einmal genau seinen alten Lieferweg fahren, hatte sich genau ausgerechnet, um wie viel Uhr er bei der Mauer ankommen würde. Aber er fuhr diesmal schneller, erst ohne den Ladenbesitzern auch nur das übliche „Bon jour! Ça va?“ zuzurufen. Doch dann fuhr er langsamer. Er grüßte wieder. Dann beantwortete er sogar Fragen, ja, er begann sich zu unterhalten. Eine unglaubliche innere Freiheit löste allmählich seine inneren Spannungen. Er fühlte sich über dem realen Leben schwebend. Er sah wieder das Licht in den sonnigen Straßen, dieses Licht, für das die Provence bei den Malern so bekannt war. Er nahm die Menschen, die Frauen, die Kinder wahr.
Der letzte Laden war beliefert. Es galt, nach Hause zu fahren – jener Wand entgegen, dem Ende seines Daseins und aller Lebensplagen, in eine neue, freie Welt, wo vielleicht auch einmal seine Frau und Tochter wieder bei ihm sein würden.
Er hielt an einem Blumenladen, um einen Strauß für seine Frau, ein Geschenk für sein Kind zu besorgen. Wie sinnlos, wie frei er doch war! Als er sich jener Ecke näherte, hinter der die Wand wartete, hörte er hinter sich in der Ferne die Sirene einer Ambulanz bereits nahen – um ihn zu holen? Schweiß trat ihm auf die Stirn, dann Kühle. Er war allein, nur mit sich und seinem Schicksal, auf festgelegter Bahn, aber er fuhr mit erhobenem Kopf, mit einem Lächeln.
Die Ambulanz musste ihn einholen, gerade als er um die Ecke auf die Mauer losfuhr, in vollem Sichhingeben!
Eine Menschenmenge hatte sich dort versammelt und eine große Baumaschine stand da. Die Mauer war nicht zu sehen; sie war gerade eingerissen worden. Es hatte einen kleinen Unfall gegeben. Nichts Ernstes.
Jacques fuhr weiter, wie im Traum. War das noch die echte Welt? Lebte er weiter in diesem Sonnenlicht, zwischen diesen Menschen? Fuhr er nach Hause zu Frau und Kind?
Jacques lachte laut, redete laut, strömte über von Lebensfülle, vielleicht Freude.
Mit Schwung fuhr er bei seiner Wohnung vor, hupte, damit seine Frau und Tochter es wüssten, winkte zum Fenster empor, die Blumen und das Geschenk schwenkend.
r nahm sie in seine Arme und hielt sie lange, lange fest.
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Und wir?
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