Licht folgt der Nacht

 

Auch nach dunkler Nacht kann neues Licht erscheinen

060411b

 

Wir wurden an einem Spätnachmittag überraschend von einer jungen Frau besucht, die sagte, dass sie mit unseren Söhnen zusammen in die hiesige Schule gegangen war.  So wollte sie einmal hören, was unsere Söhnen so täten, wie es ihnen ergangen sei.  Die junge Frau machte einen traurigen, leeren Eindruck.  So boten wir ihr Tee und eine Erfrischung an und unterhielten uns dann doch einige Zeit lang mit ihr.

Schließlich fragten wir sie, was sie denn im Leben täte.

„Nicht viel“, antwortete sie.

Dann knöpfte sie einfach ihre Bluse auf man konnte sehen, dass sie nur einen Busen hatte.  Der andere hing als leere Haut nur so auf den Rippen.

„Krebs“, sagte sie. 

„Fassen sie den guten Busen doch mal an“.

Dieser gut genannte Busen fühlte sich warm und zart an – und gerade von der richtigen Festigkeit.

„Plastik“, sagte sie. 

„Vielleicht lasse ich den anderen auch mal auffüllen, wenn ich dazu komme“.

„Und Kinder kann ich auch keine mehr bekommen“, fuhr sie fort.  „Der Krebs ist erblich und da sollte doch mal ein Ende des Leides sein.  Im Krankenhaus habe sie mir etwas abgetrennt und nun kann ich keine Kinder mehr bekommen.  So lass ich die Männer mit mir tun, was sie wollen, wenn sie mir gefallen.“

„Gibt es denn keinen“, fragten wir, „mit dem sich eine dauernde Freundschaft ergeben hätte?“

„Liebe brennt doch immer nur leer“, war ihre Antwort.  „Da lernt man sich kennen, die netten Männer, und hat sich gern – und schließlich ziehe ich sogar zu einem besonders netten.  Ein paar Wochen eines wirklichen glücklich Seins und Fröhlichkeit können dann schon folgen.  Schließlich wird aber alles wieder nüchterner.  Dann bemühe ich mich, ihm ein besonders nettes Frühstück zu bereiten bevor er zur Arbeit geht und abends stehen dann immer frische Blumen auf dem Tisch.  Aber nach dem Abendbrot sind dann doch alle Männer gleich.  Sie verschwinden hinter der Zeitung oder haben noch etwas fürs Büro zu tun.  Am Schlimmsten ist es, wenn sie nur zum Fernseher gehen und den Abend lang glotzen. 

Irgendwann ist es dann an der Zeit für mich, weiter zu ziehen.

So ist mein Leben nun nur eine dunkle Nacht“.

Bevor sie uns später verließ, sagte ich nur, dass es eine gewisse Erfahrung sei, dass wenn man sich auf andere leidende Menschen konzentriert – mit vielleicht demselben Leiden, einem ganz anderen oder nur mit Einsamkeit – man dann sich selbst vergessen kann.

*

Nach längerer Zeit besuchte uns die junge Frau wieder.  Sie sah besser, fast etwas glücklich aus.

„Wie ist alles weiter gegangen?“, fragten wir.

„Ich habe damals über Ihren letzten Spruch nachgedacht.  Da fiel mir ein, dass ich ja vor Jahren einmal einen Lehrgang für Sozialarbeit mit Kindern absolviert hatte und sogar ein kleines Diplom bekam.  Nun hat die Kirche, zu der ich nur ganz selten einmal gehe, einen Kinderhort.  Dort können Einzelstehende oder arbeitende Eltern ihre Kinder für einen Teil des Tages abgeben.  So ging ich dahin und bot meine Mitarbeit an.

Eine richtige Anstellung hatten die nicht für mich.  Ich könne aber gerne ehrenamtlich mitarbeiten.  Das habe ich dann angenommen.

In diesem Kinderhort wimmeln jeden Wochentag ungefähr 23 Kinder andauernd wild durcheinander.  Wir Mitarbeiter passen nur auf, dass sie keine Unfälle haben oder sich gegenseitig etwas antun.

Eines Tages kam die Leiterin des Hortes auf eine neue Idee.

„Wie wäre es, wenn wir uns jeder nur 2 oder 3 Kinder ganz speziell vornehmen – als Ersatzmütter so zu sagen“.

Ich wählte einen kleinen Jungen aus und seine noch kleinere Schwester.  Ihre Mutter war vor einigen Jahren in einem Autounfall umgekommen und ihr Vater musste arbeiten, um das Geld zu verdienen.  Er holte sie nach seiner Arbeit immer ab und war recht nett zu ihnen.

Nach einiger Zeit hatten die Kinder und ich uns aneinander gewöhnt – hatten uns fast gerne.  Nach noch mehr Zeit hatten wir uns wirklich lieb und die  Kinder fingen an, mich „Mutti“ zu nennen.        

Nun dachte ich jeden Abend darüber nach, was ich den Kindern am nächsten Morgen etwas Interessantes oder Schönes mitbringen könnte, oder was wir zusammen spielen könnten – und vor allem, was ich ihnen neues beibringen könnte.  Denn eines Tages, wenn sie zur richtigen Schul gehen würden, müssten sie ja mit den Kindern aus normalen Familien konkurrieren, die so viel mehr geistige Anregung und auch Selbstbewusstsein gefunden hatten.

So wurde dieses eine ganz gute Zeit.  Aber abends zuhause war ich eben doch alleine, mit allen Problemen und aller Grübelei.  Am Tag aber hatten die Kinder mich schon von mir selbst befreit.

So ist die Welt nun doch etwas heller geworden

*

 

Nach wieder einiger Zeit besuchte uns die junge Frau dann noch einmal.

Sie sah wirklich viel besser aus, fast fröhlich.

„Ja, wie ist denn alles weiter gegangen am Kinderhort“, fragten wir gleich.

„Stellt Euch vor“, antwortete sie.  „Eines Tages, kurz vor Schluss der Krippe, kam der Vater meiner Wahlkinder vorbei.  Er wollte doch nur mal sehen, wer sich denn da um seine Kinder kümmerte, von der sie andauernd dann zuhause erzählten.

Wir unterhielten uns recht gut, über die Kinder, die ich nun ja liebte.

Ich erwähnte ihm auch mein dunkles Geheimnis.

Dennoch kam der Vater nach  einiger Zeit doch wieder vorbei und dann noch einmal.

Schließlich fragte er mich, ob ich nicht mit ihm und den Kindern einmal Abendbrot essen wollte.

Das wurde dann recht fröhlich, beinahe sogar harmonisch.

Nach mehreren Abendbroten fragte er mich dann, ob ich  nicht zu ihnen ziehen wollte.  Dann könnte ich die Kinder auch am Abend und auch am Wochenende versorgen – und ihn gleich mit.

Ich zögerte, hatte aber wohl ein sehr positives Gesicht, denn er zog einen Ring hervor, den er in Erwartung schon mitgebracht hatte, und steckte ihn mir auf den richtigen Finger.

Nach einigen Monaten haben wir dann geheiratet.

Hatte ein neuer Tag für mich begonnen?

*

  

Meine Angst war, dass auch diese Liebe leer laufen würde.

So bemühte ich mich wieder um ein schönes Frühstück, auch für die Kinder, die nun ja bei mir zuhause blieben.  Abends holte ich frische Blumen vom Garten herein, wenn es welche gab.  Würde mein Mann nach einiger Zeit auch wieder nur hinter der Zeitung verschwinden oder vor dem Fernseher?

Es begann wieder mit den Wochen der Liebe und der Fröhlichkeit.  Dann aber blieben diese etwas länger.  Bald waren es Monate des Glücks geworden!  Er verschwand nie nach dem Abendbrot hintere der Zeitung, hatte sehr selten noch etwas mit seinem Büro zu tun und Fernsehen sahen wir nur die Themen, die uns beide interessierten – und worüber wir uns dann unterhielten. 

Nun ist es schon mehr als ein Jahr, dass wir vier beieinander sind – und das Glück wird immer größer, die Liebe immer tiefer – vielleicht empfinden wir alle das so, weil wir schon vorher Schweres erlebt hatten.

Aus dunkler Nacht ist nun helles Licht geworden!

 

 

ENDE