Zwei Leben

 

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Sieht es so in vielen Ehen aus –
oder ist dies eine Lösung?

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040408

 

Eine gute Ehe ist ein Kunstwerk … oder ein Trapez-Akt. Da ist es nicht immer leicht, Balance zu halten. Man entwickelt seine Manierismen, seine Gewohnheiten. Manche waren am Anfang lustig, manche beginnen zu irritieren, manche wirken allmählich langweilig. Hatte man es sich so vorgestellt? Dann begegnet man einem anderen Ehepaar. Kreuzweise finden sich die Partner womöglich interessanter, als ihnen inzwischen die eigenen erscheinen. Dabei sagen einem doch die Freunde, was für einen fabelhaften Ehepartner man selber habe! Kann man denn nicht raus aus dem eingefahrenen Gleis? Ist es so wichtig, alles so weiter zu tun wie man es bisher getan hat? Kann man nicht einfach auf ein neues Gleis hinüberspringen – beide zusammen, gleichzeitig, sonst geht’s ja nicht – und dann viel glücklicher weiterfahren? Das erinnert mich an die Geschichte von Robert und Evelyn …

 

 

1. Phase: Zusammen auf einem Gleis in Harmonie

Ich lernte Robert und Evelyn 1977 in Santa Clara, Kalifornien, kennen. Sie waren beide Anfang 30, schlank, recht gut aussehend, er blond, sie dunkelhaarig, beide immer vorteilhaft gekleidet. Er war Oberbuchhalter in einer kleinen Elektronikfirma, sie war Lehrerin. Sie hatten sich bereits in der Schule in Fresno, im Central Valley, kennengelernt und dann bald nach dem Schulabschluss geheiratet. Das tat man damals so, ehe man sich zu einem erwachsenen Menschen entwickelt hatte und somit besser kannte. Aber damals waren sie von Liebe erfüllt. Sie taten alles, dem anderen zu gefallen, und taten alles, den anderen glücklich zu machen, und lachten viel, als ob sie auf einer anderen Ebene des Lebens wären – wie nie zuvor … und niemals wieder?

Robert war von Zahlen fasziniert, hatte gerne Genauigkeit und Sicherheit, wurde Oberbuchhalter. Evelyn war vom Lernen begeistert, von den höheren Dingen in der Welt, wurde Lehrerin, wollte helfen, Menschen zu verbessern.

Ihre Ehe fing harmonisch an und verlief relativ ereignislos. Kinder kamen nicht. Beide gingen ihrer Arbeit nach, führten einen ordentlichen Haushalt. Hätten sie nicht glücklich werden können? Jeder hatte sie gerne und andere sahen in ihrer Verbindung eine Musterehe.

 

 

2. Phase: Die Gleise führen auseinander

 

ROBERTS WELT:

Robert galt bei seinen Kollegen als netter Kerl. Er war stets freundlich und zuverlässig. Seine Arbeit verlangte nicht viel Fantasie, aber eine gewisse Zurückhaltung und Bescheidenheit, nichts von dem selbstsicheren Auftreten der Ingenieure in der Firma oder dem gewinnenden Auftreten der Verkäufer.

Robert arbeitete viel. Wenn er oft spät nach Hause kam, versuchte er, sich zu entspannen, und sah sich gerne Sport im Fernsehen an.

Eine zärtliche, ihn umsorgende Frau war sein Ideal.

Das waren aber nicht Evelyns größte Vorzüge.

So dauerte es nicht lange, bis Robert merkte, dass ihre Ehe sich abkühlte. Er lernte, sich zu bescheiden, zog sich sogar etwas in sich selbst zurück. Aber es deprimierte ihn. Die prickelnde Freude am Leben war verschwunden. Es machte ihm nichts mehr aus, wie er aussah oder was er zu Evelyn sagte. Er verlor sogar das Interesse an seinen wenigen Hobbys und fühlte sich gefangen wie in einem Käfig.

 

Dann geschah etwas Überraschendes: Robert träumte, dass Evelyn wieder seine Idealfrau wäre, voll Zärtlichkeit und ihn umsorgend; sie war für ihn da, eine echte Partnerin im Leben. Der Traum wurde ihm zur zweiten Realität. Er begann, in zwei Welten zu leben.

 

EVELYNS WELT:

Evelyn galt auch bei ihren Kollegen als sehr nett. Sie war stets freundlich und zuverlässig. Ihre Arbeit verlangte viel Fantasie, etwas Selbstsicherheit und ein auf Menschen, Kinder und Eltern ausgerichtetes Verhalten.

Evelyns Streben galt dem Höheren und Feineren im Leben. Wenn sie oft schon am Nachmittag nach Hause kam, las sie gerne ein gutes Buch und hörte dazu Musik.

Ein interessanter, aktiver, eleganter Mann war ihr Ideal.

Das waren aber nicht Roberts größte Vorzüge.

So dauerte es nicht lange, bis Evelyn merkte, dass ihre Ehe sich abkühlte. Sie lernte, sich zu bescheiden, zog sich sogar etwas in sich selbst zurück. Aber es deprimierte sie. Die prickelnde Freude am Leben war verschwunden. Es machte ihr nichts mehr aus, wie sie aussah oder was sie zu Robert sagte. Sie nahm sogar einige Pfunde zu und fühlte sich gefangen wie in einem Käfig.

 

Dann geschah etwas Überraschendes: Evelyn träumte, dass Robert wieder ihr Idealmann wäre, voll geistiger Interessen, aktiv und elegant; er war für sie da, ein echter Partner im Leben. Der Traum wurde ihr zur zweiten Realität. Sie begann, in zwei Welten zu leben.

 

 

3. Phase: Jedes Gleis spaltet sich noch einmal

 

ROBERTS ECHTE WELT:

Robert stand morgens früh auf. Oft ruhte Evelyn noch, da sie erst später zum Dienst gehen musste. So machte er sich sein Frühstück selber, las – noch im Unterhemd – die Zeitung, zog sich dann Hemd und Krawatte an und fuhr zur Arbeit.

Abends war es nicht viel anders. Robert kam spät von der Arbeit. Wenn Evelyn nicht schon gegessen hatte, half er, das Abendbrot vorzubereiten. Sie aßen am Küchentisch.

Robert wusch das Geschirr ab. Nachher, während Evelyn Hefte korrigierte, sah er sich etwas im Fernsehen an, Sport oder Finanznachrichten, manchmal auch eine romantische Liebesgeschichte mit etwas prickelndem Schwung.

Immer wieder sehnte er sich nach einer Frau, die er richtig lieben könnte. Da wunderte es einen nicht, dass er anderen Frauen nachschaute. Wenn er einer besonders attraktiven begegnete, war er ihr gegenüber außergewöhnlich charmant, mit seiner eigenen Frau aber entsprechend unzufriedener.

 

ROBERTS TRAUMWELT:

Er sah nun im Geiste vor sich, wie morgens nach dem Aufstehen der Frühstückstisch schon gedeckt war. Evelyn lächelte ihn an und er gab ihr einen Kuss, bevor er sich setzte. Zusammen räumten sie nach dem Kaffeetrinken auf, gingen noch einmal Hand in Hand in den Garten. Erst dann fuhr er nach einem Abschiedskuss zur Arbeit. Sie winkte ihm nach.

Abends bei der Heimfahrt freute er sich schon auf sein Zuhause. Seine Frau würde für ihn wieder eine Erfrischung vorbereitet haben.

Als er an der Haustür ankam, öffnete sie, denn sie hatte schon auf ihn gewartet. Schick sah sie aus – und welch ein strahlendes Gesicht! Diese Frau musste man lieben! Zart zog er sie an sich und küsste sie.

Lange saßen sie diesen Abend beieinander und erzählten sich gegenseitig von ihrer Arbeit.

 

EVELYNS ECHTE WELT:

Evelyn stand morgens nicht zu früh auf. Die Arbeit mit den Klassen begann erst um neun Uhr. Da Robert gewöhnlich schon früher wegfuhr, machte sie sich ihr Frühstück selber, effizient und schnell. Dabei blätterte sie schnell noch einmal einige Schulbücher durch, die für den Tag zu verwenden waren, telefonierte sogar mit einem Elternpaar, das an dem Tag zu einer Besprechung in die Schule kommen wollte.

Abends war es nicht viel anders. Evelyn kam oft schon früh von der Schule. Wenn sie wusste, dass Robert spät heimkehren würde, aß sie alleine. Sonst half sie ihm, das Abendbrot vorzubereiten. Sie aßen am Küchentisch.

Danach korrigierte sie wie so oft die Hefte ihrer Schüler. Zuweilen las sie auch ein gutes Buch oder eine romantische Liebesgeschichte mit etwas prickelndem Schwung.

Immer wieder sehnte sie sich nach einem Mann, den sie richtig lieben könnte. Da wunderte es einen nicht, dass sie sogar anderen Männern nachschaute. Wenn sie einem besonders attraktiven begegnete, war sie ihm gegenüber außergewöhnlich charmant, mit ihrem eigenen Mann aber entsprechend unzufriedener.

 

EVELYNS TRAUMWELT:

Sie sah nun im Geiste, wie sie gemeinsam frühstückten. Robert sah so elegant aus in seinem neuen Geschäftsanzug. Warum hatten sie ihn noch nicht zum Vizepräsidenten der Firma gemacht? Während sie Kaffee tranken, unterhielten sie sich angeregt über ihre jeweiligen Aufgaben am kommenden Tag, über interessante Menschen, denen sie begegnen würden. Nachdem Robert abgefahren war, schien Evelyn das Haus leer.

Am Abend freute sie sich schon auf sein Heimkommen. Ihr Mann würde ihr bestimmt wieder Blumen mitbringen. Sobald sie sein Auto vorfahren hörte, öffnete sie rasch die Tür und trat ihm mit strahlendem Gesicht entgegen. Elegant sah er aus – und welch ein interessanter Mann er war! Diesen Mann musste man lieben! Wie glücklich war sie, als er sie in seine Arme zog.

Lange saßen sie diesen Abend beieinander und erzählten sich gegenseitig von ihrer Arbeit.

 

 

4. Phase: Der Sprung auf das neue Gleis

 

ROBERTS NEUES DENKEN:

Dann geschah das Eigenartige, dass Robert einmal Traum und Realität nicht mehr auseinanderhalten konnte.

Er war auf dem Weg nach Hause und dachte, dass zu Hause seine Traumfrau auf ihn warte.

So hielt er vor einem Blumenladen an und kaufte einen kleinen, aber entzückenden Strauß. Bevor er sein Haus betrat, kämmte er sich noch einmal, prüfte sein Aussehen im Autospiegel, ging dann mit elastischem Schritt auf die Haustür zu.

 

EVELYNS NEUES DENKEN:

Dann geschah das Eigenartige, dass Evelyn einmal Traum und Realität nicht mehr auseinanderhalten konnte.

Sie war schon früher zu Hause und dachte, dass nun bald ihr Traummann zu ihr komme.

Sie machte sich nett zurecht, steckte überall Blumen aus dem Garten hin und bereitete für ihren Mann eine kleine Erfrischung vor. Als sie sein Auto vorfahren hörte, strich sie sich noch einmal über die Haare, prüfte ihr Aussehen vor dem Spiegel in der Diele, legte schöne Musik auf und öffnete mit strahlendem Gesicht die Haustür.

 

 

5. Phase: Zusammen auf neuem Gleis in Harmonie

 

ZUSAMMEN:

Kaum trauten sie sich, einander in die Arme zu sinken, ihren Traum zu erleben, die prickelnde Freude am Leben wieder zu fühlen, ihr besseres Selbst wieder zu sein, wieder geliebt zu werden und jemanden zu lieben gefunden zu haben, wieder zu lachen. Welch Freude und Freiheit! Sie konnten beide zunächst kein Wort reden. Robert gab Evelyn einen zarten Kuss und sie errötete. Dann zog sie ihn ins Haus, nahm ihm seine Aktentasche ab und führte ihn zum Esstisch, wo die Erfrischung auf ihn wartete.

 

„Du bist wunderbar!“, sagte er.

„Ich liebe dich!“, sagte sie.

„Du hast ein so strahlendes Gesicht!“, fügte er hinzu.  „Was gab es denn heute so Interessantes in der Schule, dass du so fröhlich aussiehst?“

„Nichts Besonderes. Erzähl mir lieber von deinem Leben!“, antwortete sie.

 

 

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Ich bin später noch manchen Roberts und Evelyns begegnet. Manchmal ging alles gut.

Manchmal aber nicht. Aber mittlerweile kaufe ich manchmal einen Blumenstrauß auf dem Weg nach Hause. Dann lässt meine „Evelyn“ alles fallen, womit sie gerade beschäftigt war, und wir lachen zusammen.

 

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